Klingnau

Zu Besuch in einer ganz normalen Irrenanstalt

Mit dem Lustspiel «Pension Schöller» glückt dem Theater Klingnau ein Frontalangriff auf die Lachmuskulatur.

Schriftstellerin Madeleine Luginbühl (Bettina Geiger) – von Kopf bis Fuss, von der Handtasche bis zum Notizbuch ganz in rosa – sieht aus wie ein riesengrosses Marschmallow. Globetrotter Fritz Bernhard (Jacques Fuchs) trägt nebst Tropenhelm einen Kunstpelz-Mantel im Leoparden-Look und schwärmt von Löwenjagden. Gröber (Hans-Ulrich Sauser) – Oberst a.D. in Uniform aus napoleonischer Zeit – lebt ausschliesslich von seinen militärischen (möchte gern)Meriten.

Die drei sind Gäste in der Pension von Ludwig Schöller (Hansruedi Born), dessen Namensgedächtnis arg zu wünschen übrig lässt. Seinem Bruder Leopold (Fabio Rota) hingegen ist beim Sprechen der Buchstabe L abhandengekommen. Nichts desto trotz deklamiert er als angehender Schauspieler mit inbrünstigem Pathos «Knassiker» von Shakespeare und Goethe bis «Kneist und Nessing».

Als Leonie Schläppi (Andrea Egli), eine im Geld schwimmende Witwe, eine Tages den unbändigen Wunsch verspürt, eine Nervenheilanstalt von innen zu erkunden, führt ihre Nichte sie kurzerhand in die Pension Schöller: Das dort heimische Panoptikum von Zeitgenossen, die von der durchschnittlichen menschlichen «Norm» abweichen, übertrifft Leonies Vorstellungen einer Irrenanstalt bei weitem, was sie restlos begeistert – zumindest anfänglich.

Gar so manches Kabinettstücklein

1890 in Berlin uraufgeführt wurde das Lustspiel von Wilhelm Jacoby und Carl Laufs zum Dauerbrenner auf Bühnen und im Fernsehen; Willy Millowitsch und Harald Juhnke haben darin brilliert. Dreimal wurde der Stoff verfilmt, letztmals 1960 in einer hochkarätigen Besetzung. Und jetzt hat «Pension Schöller» auch Einzug gehalten in den Propsteikeller Klingnau. Glücklicherweise handelt es sich dabei um ein Steingewölbe, würden sich doch Balken unter den Lachern des Publikums glattweg biegen.

Auch mit 130 Jahren auf dem Buckel glänzen die zahlreichen Pointen des Stücks nach wie vor durch Frische und Brillanz. Dafür sorgt im Propstei-Keller auch die sehr gelungene Dialektfassung von Hannes Zaugg-Graf; vor allem aber tut dies das Theater Klingnau-Ensemble. Regisseurin Therese Delay hat das Lustspiel fulminant und mit viel Feingefühl für Situationskomik in Szene gesetzt.

In einem ebenso originellen wie zweckdienlichen Bühnenbild aus Wellkarton (Stefan Wick und Jan Da Rin) und in bis ins liebevolle Detail perfekten Kostümen (Bettina Geiger und Ursina Bopp) brillieren sämtliche 15 Darstellerinnen und Darsteller mit geradezu professioneller Bühnenpräsenz und mitreissender Spielfreude.

Die Inhaber tragender Rollen bieten gar so manche Kabinettstücklein, die dem Publikum vor lauter Lachen fast schon Tränen in die Augen treiben. Mit seinen musikalischen Leckerbissen zwischen Filmmusik, Operettenhits und Radetzkymarsch trägt auch der grossartige Pianist Christian Seidel viel dazu bei, dass «Pension Schöller» im Propsteikeller ein rundherum begeisterndes Vergnügen ist. Abgerundet werden kann das Erlebnis vor der Vorstellung mit einem Drei-Gang-Menu, in der Pause und zum Abschluss mit Cüpli an der Bar, Wein oder einem Pale Ale von «Butcher’s Brew» aus Endingen.

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