Wislikofen

«Zeit, aufzuhören» – Er verbrachte zwei Drittel seines Lebens im Dienste der St. Oswaldkirche

Fritz Spuhler erzählt in der Stube von seiner langen Zeit als Sakristan, seine Enkelin hört zu.

Fritz Spuhler erzählt in der Stube von seiner langen Zeit als Sakristan, seine Enkelin hört zu.

Nach 65 Jahren als Sakristan hat Fritz Spuhler an Weihnachten den letzten Arbeitstag. Als 21-Jähriger wurde Sagi-Fritz Sakristan. Nun ist Zeit, aufzuhören: «In jüngerer Zeit ist mir die Arbeit beschwerlicher geworden», sagt er.

16. Dezember 1948 in Wislikofen: Der Sagi-Fritz tritt einen neuen Job an. Drei Wochen zuvor 21 geworden, arbeitet er zusammen mit einem Bruder in der Sägerei des Vaters und auf dem kleinen landwirtschaftlichen Betrieb der Familie.

Nun aber ist er auch noch Sakristan - eine Aufgabe, die Fritz Spuhler fast auf den Tag genau 65 Jahre lang ausüben sollte. An Weihnachten wird er zum letzten Mal seines Amtes walten. «In jüngerer Zeit ist mir die Arbeit beschwerlicher geworden. Es ist Zeit, aufzuhören», sagt er.

Die grüne Kunst - oder «Chouscht» - in der gemütlichen Stube von Fritz und Berta Spuhler verbreitet wohlige Wärme. Auf dem Tisch steht ein Teller mit Weihnachtsguetzli. Aus dem Fenster sieht man hinunter auf die Propstei mit der St. Oswaldkirche, die, seit sie denken können, im Leben der Spuhlers eine sehr zentrale Rolle gespielt hat.

Denn Küster, wie ein Sakristan auch genannt wird, leitet sich vom lateinischen Begriff custos - Wächter - ab: Er muss auf die Kirche aufpassen, sie pflegen und instand halten.

Vor allem aber bereitet er Gottesdienste vor, öffnet und schliesst die Kirche, zündet die Kerzen an. Er steckt die Liedtafeln und läutet die Glocken, bereitet die liturgischen Gefässe und Bücher vor und kümmert sich um die liturgischen Gewänder.

Plausch am Glockenriemen

Der Sagi-Fritz war in diese Arbeit regelrecht hinein gewachsen. Nach der Erstkommunion war er Ministrant geworden. «Das war eine grosse Ehre; was nicht heissen will, dass säbi öppe besser als anderi gsi sin.»

Mit verschmitztem Lächeln erinnert sich Spuhler, dass sie sich beim Läuten der Kirchenglocken ab und zu vom Riemen in die Lüfte haben ziehen lassen.

Und dass ab und zu ein Riemen deswegen gerissen war. «Während des Krieges hat der Pfarrer Kaufmann die Glocken dann aber elektrifizieren lassen.»

Fortan konnten sie auch programmiert werden. Musste die Glocken mal ausserhalb der üblichen Zeiten läuten, waren vorübergehende Umprogrammierungen nötig. «Da hat's dann schon auch mal eine ‚Fehlzündung' geben können. Darüber hat sich aber niemand aufgeregt.»

Während des Krieges hatte der Ministrant Fritz bereits hin und wieder Aufgaben eines Sakristans übernehmen müssen, weil der damalige Amtsinhaber, der Spuhler Ernst, oft als Soldat an der Grenze stand:

«Daheim hatte der Spuhler Ernst sieben Kinder und einen Bauernhof. Mein Bruder, der in der Schuhfabrik Oco in Zurzach eine KV-Lehre machte, hat dort während des Krieges zwischendurch frei bekommen, um Frau Spuhler in der Landwirtschaft zu helfen.»

Er kann gut erzählen, der Sagi Fritz. Etwa, dass der Pfarrer Fehr so ein launischer gewesen sei, dass der Spuhler Ernst 1948 den Bettel als Sakristan kurzerhand hingeschmissen habe.

«Mir hat der Pfarrer Fehr immerhin hin und wieder einen Stumpen zugesteckt», erzählt Fritz Spuhler. Aber Fehr und auch sein Nachfolger, Pfarrer Kuhner, hätten noch «als Herren» angesprochen und behandelt werden wollen. «Erst der Pfarrer Erni machte Duzis mit mir und hat uns auch auf dem Hof beim Silieren geholfen.»

Die Sägerei, lange Zeit noch von einem Wasserrad betrieben, ist längst ausser Betrieb. Den Hof hat Fritz Spuhler in den 90-er Jahren an seinen, nebst vier Töchtern, einzigen Sohn übergeben.

Dessen 10-jährige Tochter Julia ist heute, wie einst der Papa, stolze Ministrantin. Den Mädchen von Berta und Fritz war das Amt in den 60-er Jahren noch verwehrt gewesen.

Fünf Frühmessen pro Woche

Jahrelang hatte Spuhler als Sakristan in der Auffahrtswoche jeweils drei Prozessionen vorbereiten müssen: «Eine führte nach Siglistorf, eine nach Mellstorf und eine nach Rümikon - alle auf der Hauptstrasse. Als der Verkehr Ende der 60-er Jahre immer mehr zunahm, wurde die Tradition aufgegeben.»

Auch die tägliche Frühmesse in Wislikofen - ausser dienstags in Mellstorf und donnerstags in Rümikon - ist längst Vergangenheit.

«Ohne die tatkräftige Mithilfe von Berta hätte ich die ganze Arbeit nicht geschafft.» Eine Aushilfe für Sakristan Spuhler musste nicht oft gesucht werden. 1988 ging das Ehepaar zum ersten Mal überhaupt in die Ferien, eine Woche auf die Frutt.

«Der Baumeister, der unser Haus hier baute, hatte dort eine Ferienwohnung und uns eingeladen.» Der Lohn als Sakristan sei am Anfang kaum mehr als ein Trinkgeld gewesen, «inzwischen ist er aber gewaltig gestiegen.» Glücklich ist der Sagi-Fritz, dass mit Silvia Laube eine ausgezeichnete Nachfolgerin für ihn gefunden wurde.

65 Jahre sind eine kleine Ewigkeit. Wird er die Arbeit, auch wenn sie streng und zeitintensiv war, nicht vermissen?

«Ich glaub nicht. Es ist doch schön, wenn Berta und ich es jetzt ruhiger nehmen können.» Sollte dem Sagi-Fritz nun aber das Zusammenhöckle nach dem Gottesdienst im «Klosterstübli» fehlen - «da ging es manchmal recht lustig zu» - kann ja problemlos Abhilfe geschaffen werden.

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