1897 hatte Thomas Mann die Novelle «Der Bajazzo» geschrieben; fünf Jahre zuvor war die Oper «Der Bajazzo» von Ruggero Leoncavallo uraufgeführt worden. «Bajass» kann ausserhalb der hehren Kunst, allerdings auch ein Schimpfwort sein. Jedenfalls wenn es im gleichen Atemzug mit «Schoofseckle» an die Adresse von Polizeibeamten gerichtet wird. So wie Peter W. dies wutschnaubend im Juli 2015 getan hatte.

Heuer wird er 70 und ist kein bisschen leise. Als Rentner hilft er immer noch in der Garage mit Tankstelle, die er inzwischen seinem Sohn übergeben hat. Die Polizei ist seit Jahren ein rotes Tuch für ihn, «weil die zu jeder Tages- und Nachtzeit mein Areal für Kontrollen mit Beschlag belegen».  

An jenem Julivormittag hatten ein Beamter und eine Beamtin der Regionalpolizei eine Automobilistin, als diese tanken wollte, wegen einer zuvor begangenen Übertretung befragt. «Als die nach einer halben Stunde immer noch beide Tanksäulen blockierten, hat es mich verjagt.» 

Bajass und Schoofseckle

Bajass und Schoofseckle

Weil Polizisten auf seiner Tankstelle Autos kontrollieren und diese somit blockieren, rastet er aus. Heute musste der Garagenbesitzer vor Gericht erscheinen.

Wut noch kein bisschen verraucht

Die Polizisten liessen «Bajass» und «Schoofseckle» nicht auf sich sitzen; Peter W. seinerseits den Strafbefehl wegen Beschimpfung nicht. So trabte er im März 2016 in Bad Zurzach vor Einzelrichter Cyrill Kramer. Dort sass er nicht zum ersten Mal, war einschlägig vorbestraft.

25'000 Franken, resultierend aus Verfahren aus den Jahren 2009 und 2012, hatte er in der Vergangenheit für Geldstrafen und Kosten dem Staat überweisen müssen. Mit dem Schuldspruch vom Bezirksgericht hat er sich eine weitere unbedingte Geldstrafe von 1500 Franken plus 1300 Franken Verfahrenskosten eingehandelt. Unmittelbar nach der Urteilseröffnung hatte Peter W. den Weiterzug angekündigt.

So sass er jetzt vor Obergericht und betonte, es gehe ihm um die «Verhältnismässigkeit.» Die Beamten hätten die Tankstelle, zu der üblicherweise «alle fünf bis zehn Minuten ein Kunde fährt» über eine halbe Stunde blockiert. Warum er sich denn, so der vorsitzende Oberrichter Jürg Lienhard, nicht gleich am Anfang bei den Polizisten beschwert habe? «Ich hab’ schliesslich auch noch anderes zu tun.»

Er habe im Übrigen «ganz freundlich und normal» mit den Beamten gesprochen. Dies bezweifelte Oberrichter Lienhard allerdings etwas, «wo sie sich doch, 20 Monate später, hier und jetzt immer noch so enorm ereifern». Tatsächlich wurde das Gesicht unter dem schlohweissen Haar von Peter W. rot und röter, seine Stimme laut und lauter: «Das war eine richtige Belagerung der Tankstelle. Und dann haben die mich auch noch angemotzt.»

Strafe reduziert

Der Anwalt legte sich, wie bereits vor der Erstinstanz, für seinen Mandanten tüchtig ins Zeug: Das Verhalten der Polizisten sei «in höchstem Masse provozierend» gewesen. Als Peter W. sie aufforderte, neben die Tankstelle zu fahren, hätten sie sich «aufs hohe Polizeiross gesetzt».

Dass sie die fehlbare Automobilistin genau dort kontrollierten, sei «bequem, aber nicht rechtens» gewesen. Er wolle seinen Mandanten nicht reinwaschen, aber man müsse doch Verständnis haben: «Er hat ein Leben lang gechrampft und ist seinen Verpflichtungen dem Staat gegenüber stets nachgekommen.» Wären an dem Vorfall  Kantons- und nicht Regionalpolizisten beteiligt gewesen, hätte es keine Anzeige gegeben: «Die sind besser ausgebildet und souveräner.» Weil «Bajass» kein Schimpfwort sei, müsse sein Mandant in diesem Punkt freigesprochen werden. Schuldig der Beschimpfung sei er wegen «Schoofseckle» zu sprechen, «aber ohne Strafe».

Die Oberrichter sahen das anders. Das erstinstanzliche Urteil wurde bestätigt, die unbedingte Strafe angesichts der finanziellen Lage von Peter W. aber auf 900 Franken reduziert. Dazu gesellen sich Auslagen in Höhe von 2000 Franken sowie die (bestimmt nicht unbeträchtlichen) Anwaltskosten. Von beidem, so das Urteil, übernimmt der Staat je 10 Prozent.