Rietheim

Wildsau-Tasche aus dem Zurzibiet: Dieser Rietheimer liefert das Leder für den preisgekrönten Designer

Heinz Gretener liefert Wildsauschwarten für die einmaligen Taschen von Jungdesigner Benjamin Bichsel. Dieses Leder muss besondere Bedingungen erfüllen.

Am letzten Samstag berichtete die «Schweiz am Wochenende» über einen jungen Basler, der trendige Taschen aus Wildschwein-Leder herstellt. Benjamin Bichsel gewann mit seinem Produkt den Preis «Innovation Basel».

Dem 24-jährigen Designer ist es ein Anliegen, einheimisches Leder zu nutzen. «Oft wird Leder aus dem Ausland importiert, das unter bedenklichen Bedingungen und wenig umweltverträglich produziert wird», sagt er.

Wenn es um Wildschweine geht, ist das Zurzibiet eine Hochburg. An der Badenfahrt 2017 etwa führte die Region verschiedene Wildschweinspezialitäten auf der Speisekarte ihrer Festbeiz.

So verwundert es nicht, dass Bichsel auf Wildschweinleder aus dem Zurzibiet zählt: Einer seiner Lieferanten ist Heinz Gretener aus Rietheim. «Handel mit Schweizer Wild» steht auf seiner Visitenkarte. «Haut abziehen, zerlegen und den Kundenwünschen entsprechend aufbereiten», umschreibt er seine Tätigkeit.

Der 61-Jährige hat zu Beginn des Jahres den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Gastronomie-Betriebe, Metzgereien, Private, aber auch Spitäler zählen zu seinen Kunden.

In der Regel wird Greteners Wild verspeist, bei Benjamin Bichsel wird es getragen. Der Basler bekommt von Gretener die Wildschweinschwarte, also die Haut, per Post geliefert.

«Ich finde die Idee mit den Taschen grossartig», sagt der Rietheimer, «es ist vernünftig, dass alles vom Tier verwertet wird.» Denn häufig werden die Häute der Schweine einfach vernichtet.

Nur die Haut der Weibchen

Für die Taschen kann nur die Haut der Bache, sprich der weiblichen Wildsau, verwendet werden. Diese ist elastischer und eignet sich besser für die Verarbeitung.

Ein weiteres Kriterium: Die Bache muss mindestens 50 Kilogram wiegen, was relativ viel ist. Doch nur so liefert sie genügend Leder für eine Tasche, die aus einem Stück geschnitten wird.

Zurzeit ist die Nachfrage nach den Taschen grösser als das Angebot. Obwohl Bichsel auf mehrere Lieferanten zählt, kann er erst im Herbst wieder liefern. Jede Tasche ist ein Unikat und kostet 320 Franken. Gretener selbst hat noch nie eine in Händen gehalten.

«Aber Bichsel hat versprochen, dass er mir das nächste Mal eine mitbringt. Es nimmt mich schon wunder, wie sie sich anfühlt», sagt er.

Für den Rietheimer hat die Wildtier-Verarbeitung vor 30 Jahren als Hobby begonnen. Mittlerweile beliefern ihn 40 Jagdgesellschaften. Letztes Jahr – vor seiner Selbstständigkeit – verarbeitete Gretener 669 Rehe, 185 Wildschweine, 23 Sikahirsche und 12 Gämsen. Alle Tiere stammen von der Jagd und nicht aus Gehegen.

Zuvor war Gretener als Koch und Küchenchef tätig. Zur Verarbeitung von Wild kam er durch seinen Schwiegervater Arthur Rudolf, der Jäger war.

Rudolf erledigt heute im «Familienbetrieb» die Buchhaltung, Greteners Ehefrau Beatrix übernimmt das Verpacken und Reinigen. «Den Wunsch, mich selbstständig zu machen, hegte ich schon lange», sagt Heinz Gretener zu seinem Schritt Anfang Jahr. Nun sei es, als ob sein Hobby zum Beruf geworden wäre.

Und vielleicht kann er schon bald noch mehr Tierhäute verkaufen. Benjamin Bichsel tüftelt derzeit an Portemonnaies aus Rehleder. «Auch damit könnte ich dienen», sagt Gretener, und lobt den Designer: «Ich finde es interessant, dass sich ein junger Mann Gedanken über Naturprodukte macht.»

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