Bevor Marcel Gyr mit seiner Lesung in der Würenlinger Dorfbibliothek begann, gab es am Rande eine kurze, aber vielsagende Begegnung. Der «NZZ»-Journalist und Arthur Schneider reichten sich die Hände. «Da ist etwas ins Rollen gekommen», sagte Schneider. «Ja, viel zu viel», entgegnete Gyr. Schneider, Würenlingens alt Ammann, veröffentlichte im November sein Buch «Goodbye everybody». Es behandelt den Absturz der Swissair-Coronado im Februar 1970 in Würenlingen. Gyrs Buch «Schweizer Terrorjahre – Das geheime Abkommen mit der PLO» folgte nun Ende Januar.

«Von fehlenden Goldbarren und Leichenteilen»: Marcel Gyr liest in Würenlingen.

Als Gyr ins Rampenlicht trat, sagte Cornelia Meier von der Dorfbibliothek den 60 Zuhörern: «Es ist erstaunlich, welche Wellen Gyrs Buch in den Medien wirft.» Erstaunt ob dieser Heftigkeit ist auch, das wurde offensichtlich, der Autor. «Mitte Januar war meine Welt noch in Ordnung», sagte Gyr, «die einseitige Debatte, die der ‹Tages-Anzeiger› führt, ist für mich sehr unangenehm.» «Tages-Anzeiger» und «SonntagsZeitung» feuern seit einigen Wochen Breitseite um Breitseite gegen Gyrs Theorien. Als sollten sie geknickt werden wie damals die Bäume im Würenlinger Wald nach dem Bombenattentat.

Was als Vorlesung angekündigt war, wurde zu einer Art Rechenschaftsbericht Gyrs. Nur knapp fünf Minuten las er aus seinem 184-seitigen Buch vor. Er schob, mit einem Lächeln wohlgemerkt, vor, dass er seine Lesebrille vergessen habe und ein furchtbar schlechter Vorleser sei. Aber vor allem wollte er erzählen, wie das Buch entstanden ist, wie er auf das Thema stiess und was sich seitdem alles getan hat. Es war, als erhöbe sich Gyr selbst in den Zeugenstand, um auf drängende Fragen Antworten zu liefern.

Gyr, 1961 geboren und in Wettingen aufgewachsen, hat als kleiner Junge «knapp mitbekommen», was sich 1970 in Würenlingen ereignete. Vor allem die verschwundenen Goldbarren aus Swissair-Flug 330 hinterliessen beim 9-Jährigen Eindruck. Dann geriet das Attentat mit 47 Toten 40 Jahre in Vergessenheit, ehe ein Leserbrief Gyr wieder auf die Spur führte. «Da habe ich realisiert, dass das grösste Verbrechen der Schweiz nie aufgeklärt worden ist, dass die Hinterbliebenen nie eine Entschädigung erhalten haben. Ich habe das nicht glauben können», sagte Gyr.

Seine Recherchen begannen mit einem Anruf beim Würenlinger Gemeindeschreiber. Dieser verwies ihn an Arthur Schneider. Zwei Tage später sass Gyr in dessen Stube und bekam das umfangreiche Material präsentiert. Gyr stieg auch ins Bundesarchiv und realisierte, dass sich die Spuren irgendwann verlieren. Er spricht von einem «Mantel des Schweigens». «Es gibt kein schriftliches Dokument, das alles erklärt», sagte Gyr, aber er sei in den Dokumenten auf Namen gestossen und habe zu telefonieren begonnen.

Ein Kenner der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) brachte den Namen Jean Ziegler ins Spiel, dieser wiederum nannte Farouk Kaddoumi, der das Stillhalteabkommen mit der «Berner Delegation» in Genf abgeschlossen haben soll. In den Medien wird derzeit darüber gestritten, welches Amt Kaddoumi innehatte, ob er tatsächlich Aussenbeauftragter der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO war. Gyr nannte ihn an der Lesung, anders als in seinem Buch, den Aussenbeauftragten der Fatah, heute die stärkste Fraktion innerhalb der PLO. Seine beiden «wasserdichtesten Quellen» seien anonym, sagte Gyr weiter. Grob gezeichnet, ist auf diesem Fundament sein Buch entstanden.

Gyr betonte mehrfach: «Es gibt keinen Beweis, dass die Einstellung des Würenlinger Strafverfahrens Teil des Stillhalteabkommens mit der PLO war. Aber es gibt Indizien.» Er sagt auch: «Im Buch steht nirgends, dass Bundesrat Pierre Graber beim Treffen in Genf dabei gewesen ist.» Er habe das bewusst offengelassen. Auch ist es nicht sein Ziel, das Stillhalteabkommen zu werten. Es sei ihm egal, welcher politischen Partei Aussenminister Graber angehört habe und er sei weder Pro Isreal noch Pro Palästinenser. Sein einziges Anliegen: «Ich wollte aufzeigen, was sich damals abgespielt hat.» Und dann schiebt Gyr nach: «Ich habe die Wirkung des Buches unterschätzt.»

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung sei für ihn ausser Frage gestanden, dass es diesen geheimen Deal, diese mündliche Vereinbarung, dieses Stillhalteabkommen zwischen der PLO und der «Berner Delegation» gegeben habe. Trotz der Kritik an seiner Darstellung hält er daran fest: «Mittlerweile kommt es mir vor, als müsste ich einem Verschwörungstheoretiker die Mondlandung beweisen.» Dem «Tages-Anzeiger» wirft Gyr vor, dass er sich nicht für seine Antworten interessiere, obwohl er ganze Fragenkataloge beantwortet habe. «Es ist eine unbefriedigende Situation», sagt Gyr, «es steht Aussage gegen Aussage.»

Neues Buch, brisante Enthüllungen

Der Flugzeugabsturz von Würenlingen soll nie aufgeklärt worden sein, um die Schweiz vor Anschlägen zu schützen. Dies behauptet ein NZZ Journalist in seinem Buch.

Der «NZZ»-Journalist fürchtet auch, dass sich die Medienkampagne gegen sein Buch negativ auf die Motivation der bundesrätlichen Arbeitsgruppe auswirken könnte. «Ginge es nach dem ‹Tagi›, könnte man die Arbeitsgruppe schliessen», sagte Gyr. Für ihn ist klar: «Ich muss Fakten liefern, noch mehr recherchieren.» Ein neues Buch werde er allerdings nie mehr schreiben, aber er könne ja Artikel publizieren.

Trost ist, dass sich viele Historiker und Experten, die sich mit dem Fall beschäftigt haben, bei Gyr meldeten. Der Grundtenor: Er habe mit seinem Buch das fehlende Puzzleteil geliefert. «Sie können sich gut vorstellen, dass es sich so abgespielt hat», sagte Gyr. Auch Ruedi Berlinger, Sohn des Coronado-Piloten Karl Berlinger, sei an ihn herangetreten. Zuerst hoch erfreut über die vermeintliche Aufklärung, später verwirrt über die Zweifel. «Er ist hin- und hergerissen», bemerkt Gyr. Wie alle Hinterbliebenen, die sich endlich Klarheit erhoffen.

Flugz

Goodbye Everybody: Flugzeugabsturz in Würenlingen vor 45 Jahren

So verabschiedete sich der Pilot von den Passagieren. Vor 45 Jahren stürzte ein Swissair-Flugzeug über Würenlingen nach einer Bombenexplosion ab.