Anfang 1964 gibt die damalige Nordostschweizerische Kraftwerke AG (NOK) bekannt, in der Beznau auf Gemeindegebiet von Döttingen einen Druckwasserreaktor zu bauen. Der ansonsten pragmatische Bundesrat ist in jener Zeit für seine Verhältnisse fast überschwänglich. Und die Naturschützer loben den Einstieg in die Atomenergie, verbunden mit der Hoffnung, dass die Landschaft damit vor weiteren Eingriffen verschont werde. Die vorgesehenen Standortgemeinden wiederum dürfen sich über zusätzliche Steuereinnahmen freuen.

Zu den Regionen, die vom wirtschaftlichen Aufschwung der neuen Technologien profitierten, gehörte allen voran Baden. Die Limmatstadt erhielt das Etikett Stromhauptstadt der Schweiz. Aber auch dem Zurzibiet kam in den Plänen eine bedeutende Rolle zuteil: In Würenlingen gründete 1955 Walter Boveri junior, Präsident von Brown, Boveri & Cie., in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft und der ETH Zürich die Reaktor AG. Die Elektrowatt sicherte sich 1964 ihrerseits in Leibstadt Land für einen Leichtwasser-Reaktor. 1969 ging Beznau I ans Netz, 1971 folgten Beznau II und 1984 Leibstadt.

Baden, Döttingen, Leibstadt und Würenlingen sind nur vier Gemeinden, die mit der Geschichte der Schweiz als Stromland untrennbar verbunden sind. In seinem soeben erschienenen Buch «Elektrisiert – Geschichte einer Schweiz unter Strom» schildert der Bad Zurzacher Steven Schneider, wie sich das Land dank der «weissen Kohle» in den letzten 140 Jahren grundlegend veränderte. «Sie ist ein Symbol dafür, wie sich die Schweiz durch technische Spitzenleistungen und Innovationsgeist von einem Auswanderungsland zu einem der reichsten Länder der Welt wandelte», schreibt Schneider im Vorwort.

«Mit legendären Staumauern in den Alpen und imposanten Kraftwerkzentralen hat die Schweizer Elektrizitätswirtschaft Ikonen geschaffen. Sie hat Landschaften umgestaltet, sich euphorisch auf die Kernkraft eingelassen und ist gleichzeitig an die Grenzen des Wachstums gestossen», schreibt Steven Schneider. Heute stehe das vor mehr als hundert Jahren geschaffene System der Produktion und Verteilung von Elektrizität angesichts der Energiewende vor dem Aus. «Die Zukunft ist ungewiss», kommt er zum Schluss.

Eine emotionale Materie

Steven Schneider, der in Würenlingen aufwuchs, nimmt die aktuelle Situation und die heiss geführten Debatten zum Anlass für eine visuelle Reise in die Historie des Schweizer Stroms. Auf 216 Seiten und anhand von 200 Fotografien schildert er Meilensteine. Die Vermutung liegt nahe, dass sich Schneider der Materie annahm, da er nur wenige Kilometer vom AKW Beznau, vom Paul-Scherrer-Institut und der Zwilag entfernt wohnte. «Dem ist nicht so», sagt der 53-Jährige. Schneider kümmerten in jungen Jahren die grossen Pläne der Energieunternehmen wenig.

Auch der aufkommende Widerstand in den 70er- und 80er-Jahren gegen die Atomenergie fand ohne ihn statt. Sein Interesse galt damals dem Sport. Schneider war als Junior Fussballer mit Leib und Seele. Sein Vater gründete einst den FC Würenlingen. Heute geht der leidenschaftliche Hobby-Kicker für die Schriftsteller- Nationalmannschaft zusammen mit Pedro Lenz oder Bänz Friedli auf Torejagd. Dem breiten Publikum ist der Journalist und Buchautor als die männliche Hälfte des Kolumnistenduos Schreiber vs. Schneider bekannt.

Vom Thema Strom liess sich Schneider vor rund 20 Jahren elektrisieren. Im Auftrag der Infostelle der Elektrizitätswirtschaft INFEL in Zürich konzipierte der ehemalige Redaktor des «Aargauer Volksblattes» für die interne Kommunikation Kunden- und Mitarbeitermagazine. Er sollte das schwer greifbare Gebiet der Öffentlichkeit zugänglicher machen. Schneider stellte rasch fest, dass Elektrizität, losgelöst von der reinen Technik betrachtet, hoch emotional ist. «Mich interessiert weniger, was Menschen mit dem Strom gemacht haben, als was der Strom mit den Menschen gemacht hat.»

Der einzige einheimische Rohstoff

Inzwischen ist Schneider, der mit Ehefrau Sybil Schreiber in Bad Zurzach lebt, mit der «weissen Kohle» quasi verschmolzen. 2014 schrieb er die Beilage zum 100-Jahr-Jubiläum der Axpo. Im vergangenen Jahr verfasste er für das Aargauer Elektrizitätswerk (AEW Energie AG) eine Jubiläumsschrift zum 100-jährigen Bestehen.

In seinem neuen Buch erhebt Steven Schneider, wie er sagt, nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Vielmehr sei es ein Anlass, um zurückzublicken, welche Pionierleistungen nötig waren, welche Krisen gemeistert wurden und wie sich Strom zum Begleiter des modernen Alltags entwickelte. «Aber mehr noch als eine Technik- und Wirtschaftsgeschichte ist das Buch über den einzigen einheimischen Rohstoff eine Schweizer Gesellschaftsgeschichte geworden», sagt Schneider.