Kaiserstuhl

Wer ist die kleinste Gemeinde im ganzen Land?

Kaiserstuhl wird oft neben Rivaz und Gottlieben als die «kleinste Gemeinde der Schweiz» bezeichnet. Mit welchem Titel sich das Städtli am Rheinufer tatsächlich schmücken kann – und welcher bald neu dazukommt.

Sie haben vieles gemeinsam: Kaiserstuhl, Gottlieben TG und Rivaz VD. Die Gemeinden liegen alle am Wasser, haben nur wenige hundert Einwohner – und sie sind mit 32 Hektaren die flächenmässig kleinsten Gemeinden der Schweiz. So zumindest, wenn es nach der weitläufigen Meinung und dem Online-Lexikon «Wikipedia» geht. Doch ein Blick in die Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) zeigt: Das stimmt so gar nicht.

Das 340-Seelen-Dorf Gottlieben, das zum ersten Mal im 10. Jahrhundert erwähnt wurde, ist nur 31 Hektaren gross. In der Gemeinde zählen die im Jahr 1251 erbaute Wasserburg sowie die Drachenburg und das Waaghaus (beide aus dem 17. Jahrhundert) zu den Touristenattraktionen. Auch das Winzerdorf Rivaz hat nur eine Fläche von 31 Hektaren. 344 Einwohnern leben in der Gemeinde, das im 12. Jahrhundert zum ersten Mal erwähnt wurde. Das Dorf befindet sich inmitten der Weinberge am Steilhang des Lavaux, das seit 2007 ein Unesco-Weltkulturerbe ist.

Doch: Gemäss Zahlen des BFS ist Kaiserstuhl eine Hektare grösser. Im Städtli wohnten per Ende des vergangenen Jahres 406 Einwohner. Besondere Wahrzeichen sind der 36 Meter hohe Obere Turm oder das spätbarocke Landhaus zur Linde aus dem Jahr 1764.

Anfang des 13. Jahrhundert wurde das verträumte Städtchen am Rhein mit seinen idyllischen Gassen, das sogar einen eigenen Hafen hat, zum ersten Mal schriftlich erwähnt. Die Stadtgründung folgte kurz darauf.

Unterschied könnte wenige Quadratmeter betragen

Die jährlich veröffentlichen Gemeindeflächen des BFS basieren auf den administrativen Grenzen, die das Bundesamt für Landestopografie Swisstopo jeweils publiziert. Der Unterschied könnte rein theoretisch bei gerade mal zwei Quadratmetern liegen. Denn die Flächenangaben würden auf die nächste Hektare gerundet, sagt Romain Douard vom BFS-Kompetenzzentrum für Geoinformation und digitale Bildverarbeitung. Dies aus mehreren Gründen. «Die Gemeindeflächen bleiben über die Zeit nicht immer stabil, zum Beispiel wenn ein Bach oder Fluss als Grenze gilt», sagt Douard. Bewege sich das Flussbett, bewegte sich auch die Grenze. Dies tritt nicht nur auf Kaiserstuhl zu, sondern auch auf Gottlieben: Beide Gemeinden liegen am Rheinufer. Ein weiterer Grund sei, dass die Seeufer wie in Rivaz, das am Genfersee liegt, selten genau bestimmt werden könnten. «Aus diesem Grund entstehen Ungenauigkeiten», so Douard. Zudem gebe es teilweise aus technischen Gründen noch Unstimmigkeiten bei der Vermessung der Grenzen.

Die kleinste Stadt der Schweiz hat eigenes Theater

Doch auch wenn sich Kaiserstuhl möglicherweise wegen lediglich zwei Quadratmetern nicht als kleinste Gemeinde der Schweiz bezeichnen darf, nimmt man dies im lauschigen Städtli am Rheinufer gelassen. «Wir sind immer noch die kleinste Stadt im Land», sagt Ammann Ruedi Weiss (parteilos) mit einem Schmunzeln. Durch das Städtchen führen steile Gassen, vorbei an herrschaftlichen Häuser mit hohen Giebeln und über Plätze aus Bollensteinen. Diese Idylle bringt auch Herausforderungen mit sich. So verzeichnet Kaiserstuhl gemäss den aktuellsten Zahlen mit 8,9 Prozent die zweithöchste Leerwohnungsziffer des Kantons Aargau. «Und die Wohnverhältnisse sind für ältere Menschen nicht optimal», ergänzt Ruedi Weiss. Denn viele der herrschaftlichen Häuser sind vier- bis fünfstöckig und ohne Lift. Zudem ist jeder dritte Einwohner im Städtli Ausländer. Weiss sagt aber auch: «Trotz des hohen Ausländeranteils ist das Zusammenleben sehr gut. Das gibt es nicht überall.»

Dass Kaiserstuhl atypisch sei in der Region, würden auch regelmässig die Abstimmungsresultate zeigen. «Wir sind ähnlich urban wie die Stadt Baden», sagt Weiss. Besonders sei auch, wie engagiert die Kaiserstuhler Bevölkerung sei, die in der Mini-­Stadt für ein vielfältiges Freizeitangebot sorgen. «Was die Einwohner jedes Jahr auf die Beine stellen, ist ein kultureller Kraftakt.» Mit der Kaiserbühne, dem früheren Laxdal-Theater, hat das Städtli gar ein eigenes Theater, das Festival der Stille lockt jedes Jahr knapp 1000 Gäste ans Rheinufer. Auch melden sich jedes Jahr rund zehn Prozent der Einwohner als Freiwillige, um als sogenannte Turmhüter den Oberen Turm für Touristen zu öffnen.

In zwei Jahren ändert sich alles über Nacht

Die flächenmässig drittkleinste Gemeinde oder die kleinste Stadt der Schweiz – damit ist für Kaiserstuhl am 1. Januar 2022 aber Schluss. Dafür darf sich das Städtli dann mit einem anderen Titel schmücken: Kaiserstuhl wird über Nacht Teil der grössten Gemeinde des Kantons. Denn das Städtli und die Gemeinden Rietheim, Bad Zurzach, Rekingen, Baldingen, Böbikon, Wislikofen und Rümikon fusionieren zur 2619 Hektaren grossen Gemeinde Zurzach. Damit würden sich auch zahlreiche Probleme auf einen Schlag lösen, mit der eine kleine Gemeinde wie Kaiserstuhl zu kämpfen habe: «In struktureller Hinsicht ist die Fusion eine grosse Entlastung für uns», sagt Stadtammann Ruedi Weiss. Man müsse weniger Behördenmitglieder suchen und könne sich stattdessen darauf konzentrieren, die lokalen Strukturen zu stärken. Als Ortsteil der neuen Gemeinde wird sich Kaiserstuhl aufgrund des historischen Stadtrechts weiterhin als Städtli bezeichnen. «Dass wir eine Exklave von Zurzach sein werden, hilft dabei, das Profil des Städtlis Kaiserstuhl zu erhalten und zu schärfen.»

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