Theo Voegtli

«Wer behauptet, er wolle dem Volk dienen, soll Pfarrer werden»

Die neu gewonnene Zeit will Genussmensch Theo Voegtli für Spaziergänge um den Klingnauer Stausee nutzen.

Die neu gewonnene Zeit will Genussmensch Theo Voegtli für Spaziergänge um den Klingnauer Stausee nutzen.

Zwei Jahrzehnte lang prägte Theo Voegtli die Aargauer Politik. Mit Stil, Humor und feiner Klinge. Er war Grossratspräsident und Präsident der Aargauer CVP. Das neue Kantonsparlament muss ohne ihn auskommen.

20 Jahre ist es nun her, da stand der Name des Apothekers aus Kleindöttingen erstmals auf dem Wahlzettel für den Grossen Rat. Seine politische Karriere begann als Theophil auf dem vorletzten Listenplatz der CVP und endete als Theo ganz oben auf dem Wahlzettel. Vorname und Listenplatz änderten sich in den zwei Jahrzehnten. Eines aber blieb immer gleich: Theophil «Theo» Voegtli erhielt das Vertrauen der Wähler und wurde bei fünf Kandidaturen fünfmal in den Grossen Rat gewählt. Am kommenden Sonntag werden erneut die Wahlzettel ausgezählt. Der Name Theo Voegtli fehlt diesmal auf der Liste.

Theo Voegtli sitzt im Büro seiner Apotheke in Kleindöttingen: «20 Jahre sind genug», sagt er bestimmt und fügt an: «Man darf sich sogar fragen, ob 20 Jahre nicht zu lang sind.» Amtsmüde sei er nicht, antwortet der 61-Jährige auf die entsprechende Frage. Aber mit seinen zwei Geschäften, den Verwaltungsratsmandaten von Genf über Bern bis Böttstein und diversen anderen Aufgaben ist seine Agenda voll genug. Schwer falle ihm der Rücktritt nicht. «Die Politik war eine Phase, eine gute Phase», sagt er.

Voegtli lehnt sich in seinen Sessel zurück – mit der Gelassenheit eines Grandseigneurs der Aargauer Politik. Gelassen auch, weil er überzeugt ist, mit Andreas Meier einen würdigen Nachfolger ins Rennen zu schicken. Wäre der Winzer aus Klingnau bereits bei der letzten Grossratswahl angetreten, wäre Voegtli laut eigener Aussage während der laufenden Legislatur zurückgetreten. Meier wäre nachgerückt und hätte am 23. Oktober vom Bonus des «Bisherigen» profitiert. Doch Meier war nicht angetreten. Und so harrte Voegtli aus und hielt ihm den Platz frei. «Andreas Meier wird uns was bringen», ist Voegtli überzeugt. Und er meint damit nicht nur die mögliche Wahlfeier des Winzers, «bei der ganz sicher viel guter Wein fliessen wird».

Abschiedsfeiern sind Beerdigungen

Von einer eigenen Feier, einer Abschiedsfeier, will Voegtli nichts wissen. «Abschiedsfeiern sind wie Beerdigungen», sagt er, «so etwas brauche ich nicht.» Und dann wirft er das Sprichwort eines Grossen der Weltgeschichte in den Raum: «Servir et disparaître lautet mein Motto – Dienen und abtreten.» Friedrich der Grosse (1712–1786) hatte das einst gesagt. Man sollte der nachdrängenden Generation zeitig das Feld räumen, zumindest in exponierten Positionen. Es braucht nur ein bisschen Distanz zu sich selbst.

Dass Voegtli jahrelang mittendrin war, merkt man, wenn er über die Veränderung der politischen Kultur spricht: «Debatten über Stilfragen und den Umgangston gab es schon immer. Die Zeiten waren stets unruhig, egal ob vor 20 Jahren oder heute.» Voegtli ist aber klug genug einzugestehen, dass ihm, der stets Teil des Betriebs war, die nötige Distanz fehlt, um solche Veränderungen festzustellen. Klar ist für ihn hingegen: Der Politbetrieb ist dynamischer und schneller geworden. Und in noch einem Punkt ist sich Voegtli sicher: «Politik ist etwas für Selbstdarsteller.»

Inwiefern das auch auf Voegtli zutrifft, lässt sich am besten an einer seiner Reden festmachen. Als 2012 seine Zeit als Grossratspräsident zu Ende ging, sagte er: «Es ist nett, wichtig zu sein, aber es ist wichtiger, nett zu sein.» Voegtli schätzt den englischen Stil, das Understatement, den Humor. Er kämpft mit feiner Klinge, nicht mit der Hellebarde. Anstand, Stil und Respekt waren ihm immer wichtig. «Damit habe ich in allen Lebensbereichen sehr gute Erfahrungen gemacht», sagt er.

Und doch steckt im Apotheker auch ein Selbstdarsteller. «Mit diesem Beruf bringt man gute Voraussetzungen für die Politik mit», sagt der Doktor der philosophischen Fakultät. Apotheker seien den Umgang mit Leuten gewohnt und würden in ihrer Region grosse Bekanntheit geniessen. Leute, die in die Politik einsteigen, seien Leute, die mitreden wollen, die Einfluss haben wollen und die eine gewisse Portion an Extrovertiertheit mitbringen. «Wer von sich behauptet, er wolle dem Volk dienen, soll Pfarrer werden», sagt Voegtli, wiederholt nach einer kurzen Pause den Satzteil «dem Volk dienen …» und beendet seine Ausführung mit einem lauten «pah!». Solchen Aussagen schenkt er längst keinen Glauben mehr. «Niemand ist altruistisch», sagt er.

Der Klosterschüler und Rockfan

Nun, Pfarrer ist auch Voegtli nicht geworden. Allerdings besuchte er während sieben Jahren die Klosterschule in Einsiedeln. Eine Zeit, die ihn stark geprägt hat. Als 13-Jähriger trat er, wie schon sein Vater, ins Internat ein. Es war weniger das Kloster, als vielmehr die Botschaft der Benediktiner, die ihn beeinflusst hat. «Der Humanismus, der uns eingetrichtert wurde, ist hängengeblieben. Der Mensch steht im Vordergrund», sagt Voegtli.

Trotz Klosterschule erlebte der Ärztesohn durchaus wilde Zeiten. Wie zum Beweis zückt er sein Portemonnaie, klaubt etwas aus einem Seitenfach und präsentiert ein Passfoto, das ihn mit 19, vielleicht 20 Jahren und wallender Mähne zeigt. Als 18-Jähriger habe er an Konzerten und Festivals im In- und Ausland in einem einzigen Sommer 135 Bands gehört. Seine Vorliebe für die Rockmusik ist bis heute geblieben. Pink Floyd, die Rolling Stones, Status Quo oder die Beatles zählen zu seinen Lieblingen. Letzten Juni war er am Abschiedskonzert von Black Sabbath im Zürcher Hallenstadion. «Fast mehr als um die Musik geht es mir dabei um den Event, um das Erlebnis», sagt Voegtli.

Seinen Lebensmittelpunkt hat er vor seiner Ankunft im Zurzibiet mehrfach verschoben. An seiner Wahlfeier als Grossratspräsident – den Berichten zufolge ein rauschendes Fest – bezeichnete er sich als Person mit Migrationshintergrund. «Ich bin kein waschechter Aargauer und auch kein alteingesessener ‹Böttsteiner›, sondern ein zugezogener Schwarzbube mit Innerschweizer Klostererziehung, Zürcher Ausbildung und Basler Doktorat.»

1985 klopfte der junge Apotheker in Böttstein an. «Ich wurde angenommen, aber mit Auflagen», erinnert er sich. Der damalige Gemeindeammann Fritz Ringele meinte damals, es sei natürlich okay, wenn Voegtli hier eine Apotheke eröffne und Geld verdienen wolle. Er möge dann aber gefälligst hier wohnen und die Steuern zahlen.

Daran hielt sich Voegtli. 1987 hat er seine Claudia geheiratet. Sohn Robin kam 1992 zur Welt, Tochter Lara 1995. Als Hobbys nannte er einst: «Junge Familie, moderne Kunst, alte Bücher und Rockmusik.» Ganz so jung sind die Kinder heute nicht mehr. «Aber obwohl sie über 20 sind, kommen sie noch immer mit uns in die Ferien», erzählt Voegtli mit dem Stolz eines Vaters. Politisiert sei der Nachwuchs noch nicht, aber er stimme stets in seinem Sinne ab, sagt er mit einem schelmischen Lachen.

Die Familie ist ihm wichtig. Wegen ihr und auch wegen der Gesundheit hat er auf eine politische Karriere in Bundesbern nie Wert gelegt. Viele nutzten das Grossratspräsidium als Sprungbrett. Voegtli aber hat beobachtet, dass «Berner» Politikerinnen und Politiker derart absorbiert sind, dass einige geradezu ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Familie, Gesundheit und Beruf sind ihm, der sich selber als Genussmensch bezeichnet, zu wichtig.

Keine Angst vor dem Loch

Um seine Gesundheit will sich der engagierte Gesundheitspolitiker nach seinem Rückzug aus dem Grossen Rat vermehrt kümmern. In seinem Jahr als Grossratspräsident (2011–12) habe er fünf Kilogramm zugenommen. Nicht wegen der Apéros, sondern mangels Bewegung. Diese fünf Kilos zu viel habe er auch heute wieder auf den Rippen. Sein Rezept dagegen: mehr Bewegung, aber dennoch dem Genuss die Treue halten.

Die Zeit, die er nun gewinnt, will er in Spaziergänge um den Klingnauer Stausee investieren. Drei Runden pro Woche schweben ihm vor. In den Abendstunden. «Ich bin nie gerne früh aufgestanden.» Um 5.30 Uhr schrillte jeweils der Wecker, bevor er sich an die Grossratssitzungen in Aarau aufmachte. «Das werde ich nicht vermissen.» Und die Politik? «Ich werde sicher nicht in ein Loch fallen», sagt er.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1