Bad Zurzach

Wenn dringend anonyme Alkoholiker gesucht werden

En Aargauer Alkoholiker sucht dringend andere Alkoholiker

En Aargauer Alkoholiker sucht dringend andere Alkoholiker

Seit neun Jahren gibt es im Zurzibiet einen Treffpunkt der Anonymen Alkoholiker. Das Problem: Es kommen zu wenige Personen an die Treffen, weil sich niemand getraut, mit Gleichgesinnten offen darüber zu sprechen.

Seit 35 Jahren ist Josef Meier (Name geändert) jetzt schon trocken. «Keinen einzigen Tropfen Alkohol habe ich in all den Jahren getrunken, sagt Meier stolz.

Und trotzdem bezeichnet er sich als Alkoholiker. «Alkoholiker bleibt man das ganze Leben lang, denn Alkoholismus ist eine Krankheit.»

Eine Krankheit, die man zwar nicht heilen, aber zum Stillstand bringen könne, indem man jeweils schon das erste Glas stehen lässt.

Dass der 76-Jährige heute die Finger vom Alkohol lassen könne, verdanke er nicht zuletzt der Gruppe der Anonymen Alkoholiker (AA).

Während 35 Jahren besuchte er jede Woche die Treffen in Baden. «Wir reden in der Gruppe über den Alkoholismus und die Probleme, welcher dieser mit sich bringt.»

Ganz wichtig: Nichts von dem, was in dieser Gruppe erzählt wird, dringt nach draussen. «Auch kennen wir uns nur mit Vornamen. Der Familienname und auch der private oder berufliche Hintergrund interessieren in der Gruppen niemanden», sagt Meier.

Auch wenn er selber nun schon so viele Jahre trocken sei, besuche er die Treffen jede Woche. «Es ist wie Sport. Will man gut sein, muss man regelmässig trainieren.»

Ein guter Freund von ihm habe vor neun Jahren auch in Bad Zurzach ein AA-Meeting ins Leben gerufen. Meier habe ihn dabei unterstützt.

Jeden Samstag um 17 Uhr finden die Treffen statt. «Am Anfang waren wir jeweils bis zu acht Personen, mit der Zeit wurden es immer weniger. Im Moment sind es nur noch knapp vier.»

Könnte es nicht sein, dass es einfach weniger Alkoholiker gibt? «Das ist nur die halbe Wahrheit. Es gibt wahrscheinlich tatsächlich weniger Alkoholiker als noch vor 30, 40 Jahren. Nicht zuletzt, weil die Arbeitswelt dies gar nicht mehr zulässt.»

Doch Meier ist überzeugt, dass es auch im Zurzibiet viele Menschen gibt, die von den AA-Treffen profitieren könnten.

Auch kein alkoholfreies Bier

Meier selber wurde schleichend zum Alkoholiker. «Als Jugendlicher begann ich Bier zu trinken.»

Er sei schüchtern gewesen, das Biertrinken habe ihm geholfen, die Schüchternheit abzulegen. Mit der Zeit trank er immer mehr.

Später wurde er Küchenchef der BBC. «Manchmal bestellte ich nach Feierabend bis zu 15 Stangen und fuhr dann stock besoffen nach Hause.»

Das ging natürlich auch ins Geld. «Am Schluss hatte ich über 30 000 Franken Schulden. Nachdem ich aufgehört habe zu trinken, konnte ich die Schulden innerhalb von vier Jahren abbauen.»

Es war schliesslich ein Unfall, der Meier vom Alkohol wegbrachte. Eines Abends stürzte er mit seinem Velo so schwer, dass er mehr als eine Stunde bewusstlos am Strassenrand liegen blieb – mit 2,4 Promille intus.

Als er wieder zu sich kam, lag er auf der Intensivstation im Spital. «Ich hatte eine Schlüsselbeinfraktur, Schürfungen am ganzen Gesicht und der Kiefer war zertrümmert.»

Er habe dem Arzt gesagt, er würde zum Mittagessen gerne ein Glässchen Weisswein haben. «Der Arzt hat mich nur komisch angeschaut und gemeint, ich werde wegen den Medikamenten sicher ein halbes Jahr keinen einzigen Tropfen Alkohol trinken.»

Das sei aber noch nicht aussschlaggebend gewesen, weshalb er seither nie mehr Alkohol getrunken habe. «Ich liess bei einem anderen Arzt noch einen Lebertest machen. Das Ergebnis war niederschmetternd.»

Der Arzt habe ihm gesagt: «Sie können so weitertrinken, dann leben Sie noch maximal drei Jahre. Oder aber Sie hören sofort damit auf und können dann noch 30 oder mehr Jahre leben.»

Zudem habe ihm der Arzt die Telefonnummer der Anonymen Alkoholiker gegeben.
Entzugserscheinungen habe er nie gehabt. «Und ich kann auch heute noch gesellig sein, einfach ohne Alkohol.»

Ob er denn alkoholfreies Bier trinke? «Nein, denn auch dieses enthalte immer ganz wenig Alkohol. Zudem ist die Angst – vor allem im Restaurant – zu gross, die Serviertochter könnte das Bier verwechseln.»

Meier möchte alle Alkoholiker – und auch Alkoholikerinnen («Frauen stehen weniger zu dieser Krankheit als Männer») – in der Region ermutigen, die Meetings zu besuchen.

«Alkoholiker sind Meister im sich anlügen. Dabei sei Alkohol das grösste Lösungsmittel überhaupt.

«Er löst Arbeitsstellen, Freundschaften, Ehen oder das Bankbüchlein auf.»

Er könne jedem Alkoholiker nur raten, die Treffen zu besuchen und sich helfen zu lassen. «Am Ende muss man es aber für sich selber wollen, für niemanden anderen. Mir haben die Treffen das Leben gerettet.»

AA-Gruppe Zurzach: Meetings jeweils am Samstag, 17 Uhr im Ref. Kirchgemeindehaus, Schwertstrasse 17, Bad Zurzach.

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