Nur ein Schild mit türkischer Schrift über der Eingangstür gibt einen Hinweis darauf, was sich im Innern des roten Hauses an der Hauptstrasse in Döttingen befindet. Drinnen sitzen Leute zusammen in einem grossen Aufenthaltsraum und unterhalten sich angeregt. Einige junge Frauen tragen Kopftücher. Es ist der Tag der offenen Moschee.

Keine Bilder, kein Prunk

«Wir möchten zeigen, wie wir Muslime in der Schweiz leben, und wie wir den Koran praktizieren», sagt Leyla Gökdemir. Sie ist Vorsitzende des Frauenverbunds des Türkischen Kulturvereins und organisiert die Führungen in der Moschee. Sie bittet die Besucher, die Schuhe auszuziehen. «Da wir uns bei den Gebeten niederwerfen, soll der Boden sauber sein», erklärt sie. Als Erstes zeigen die Muslimas den Besuchern den Gebetsraum für Frauen. Der Raum ist mit dicken bunten Teppichen ausgelegt, an den Wänden hängen einige gerahmte arabische Schriftzeichen. Figürliche Abbildungen sind nicht erlaubt, sie lenken vom Beten ab. «Ich finde es gut, dass unsere Moschee so schlicht ist. Prunk brauchen wir nicht», sagt Gökdemir.

Nur Allah darf urteilen

Wenn beide Geschlechter gemeinsam in einem Raum beten, müssen die Frauen hinter den Männern stehen. «Männer lassen sich halt schnell ablenken», sagt Gökdemir lächelnd. Dies sei auch der Grund dafür, dass es keine weiblichen Imame, also Vorbeter, gebe, und dass Frauen ein Kopftuch tragen. Dieses Gebot steht im Koran. Wenn eine Muslima kein Tuch trage, sei sie jedoch deswegen nicht schlecht: «Wir urteilen nicht über andere, nur Allah darf das», sagt Gökdemir. Sie und ihre Tochter tragen das Kopftuch freiwillig und haben selber entschieden, wann sie sich bereit dazu fühlten. Das Kopftuch habe nichts mit Unterdrückung zu tun. «Im Gegenteil», sagt sie, «Allah sagt, das Paradies liege unter den Füssen der Frauen. Frauen haben ein hohes Ansehen im Islam.» Auch für Männer gebe es Kleidungsvorschriften: Sie sollen keine enge Kleidung tragen.

Fünf Mal pro Tag beten

Im oberen Stock der Moschee befindet sich neben dem Gebetsraum für Männer ein Klassenzimmer. Darin stehen Holzbänke, an der Wand ein Büchergestell. Bis zu 30 Kindern aus dem Bezirk wird hier auf spielerische Weise der Koran näher gebracht. Gezwungen werde auch hier niemand. «Ein Kind muss lernen wollen», sagt Gökdemir.

An der Waschstation im Gang waschen sich die Moslems vor jedem Gebet Hände, Arme, Mund, Gesicht und Füsse. Gebetet wird fünf Mal am Tag, jeweils zwischen 4 und 15 Minuten lang. Zum Gebet ruft normalerweise der Imam. Ist er nicht da, kann diese Aufgabe aber jeder übernehmen, der den Gebetsruf kennt. «Manchmal ruft auch mein 5-jähriger Cousin», sagt Betül Gökdemir, die 19-jährige Tochter von Leyla Gökdemir. In der Schule sei es nicht möglich, rechtzeitig zu beten, doch das sei kein Problem, erzählt die Kantischülerin. Die Gebete können nachgeholt werden. «Nach dem Beten fühle ich mich besser «, sagt sie. Auch Betüls Mutter kann in der Moschee Energie tanken. Das sei wie ein Stück Heimat, sagt sie.

«Wir brauchen keine Minarette»

Nicht immer haben es die Moslems in der Schweiz leicht. Vor allem nach der Minarett-Initiative seien viele angepöbelt worden; Leyla Gökdemirs Schwester habe man sogar das Tuch vom Kopf gerissen. «Dabei kenne ich keinen Moslem, der ein Minarett wollte. Das brauchen wir gar nicht», sagt sie. Sie hofft, dass ihre Mitmenschen durch Aktionen wie den Tag der offenen Moschee erkennen, dass nicht alle Moslems Extremisten sind. «Es macht mich traurig, dass wir alle dafür verantwortlich gemacht werden, was einige Einzelpersonen tun», sagt sie. «Islam kommt von Salam, was Friedensgruss bedeutet. Der Grundsatz des Islams ist Frieden.»