Kleindöttingen

Wenn Beatrice malt, sind Nasenspitzen in Gefahr

Klientinnen und Klienten des Arbeitszentrums malen Bilder für eine Ausstellung im Kernkraftwerk Leibstadt. Bei den Malnachmittagen haben sie die Möglichkeit, unter Anleitung zu malen oder spontan das auf die Leinwand zu bringen, was ihnen beliebt.

Dienstag, 15.20 Uhr, 1. Stock im Arbeits- und Wohnzentrum Kleindöttingen: Beatrice führt den Pinsel ganz vorsichtig und achtet darauf, dass sie die Farbe so auf die Leinwand bringt, wie sie sich das vorgestellt hat. Ihre bevorzugte Farbe scheint Magenta zu sein. Im Moment ist sie gerade damit beschäftigt, zwei Herzen ins rechte obere Eck ihres Bildes zu malen. Für wen sie die Herzen malt, will Beatrice auch nach wiederholter Nachfrage nicht verraten.

Sie schmunzelt nur und sagt: «Das gfallt mer so.» Fünf Minuten später geht Beatrice die Farbe aus. «Brauchst Du noch mehr Magenta?», fragt der ausgebildete Maltherapeut und Arbeitsagoge Heinz Bollinger. «Nein, nein», antwortet Beatrice und greift sich die auf dem grossen Arbeitstisch stehende Plastikflasche mit gelber Farbe. Dann setzt sie sorgfältig Punkt um Punkt zwischen die beiden Herzen und die zuvor schon auf die Leinwand aufgebrachten grafischen Elemente.

Ursula hat sich extra für den Mann von der Zeitung schön gemacht. Ihr Bild ist fast fertig. Wie Beatrice gibt auch sie sich grösste Mühe, präzise zu malen. Während Elvis im Radio «It’s now and ever» singt, stochert Ursula gedankenverloren mit dem Pinsel in der Farbe auf dem Kartonteller herum. «Was ist?», fragt Heinz Bollinger. «Bist Du am Spaghetti drehen?» Alle lachen. Die Atmosphäre beim Maltag im Raum fürs «Wohnen mit Tagesstruktur» ist locker und gelöst, ja vergnügt. Ab und zu wird innegehalten und diskutiert, da und dort erteilt Maltherapeut Bollinger Ratschläge, wie die Bilder noch besser werden könnten: «Du musst die Farben grossflächiger auftragen, damit die weissen Stellen verschwinden», ermuntert er Beatrice und erklärt ihr, warum: «Wenn die weissen Partien auf Deinem Bild klein sind, wirken die Farben viel kräftiger.» Während Beatrice fast ausschliesslich Magenta und Gelb verwendet, bevorzugt Ursula einen bunten Farbmix. Bei ihr dominieren warme Farben wie Gelb, Orange und Rot, die sie mit erstaunlicher Geschicklichkeit mit Hellblau und Grün kombiniert. Bollinger rät ihr, die noch nassen Farben ineinanderlaufen zu lassen und so einen speziellen Effekt zu erzielen. Margrit setzt den Rat sofort um und ist ob des Resultats hell begeistert.

«Die Vorliebe unserer Klientinnen und Klienten für Farben ist von der Tagesform abhängig», erklärt Heinz Bollinger. Bei den Malnachmittagen haben die Teilnehmer die Möglichkeit, unter Anleitung zu malen oder spontan das auf die Leinwand zu bringen, was ihnen gerade beliebt. Bollinger bezeichnet das Malen als gute Möglichkeit für Menschen mit einer Behinderung, kreativ zu sein und sich zu entfalten. «Unsere Klienten nehmen die Schwingungen der Farben auf. Bilder malen löst Spontanität und ein Gefühl der Freiheit aus. Malen zu dürfen, was sie gerade empfinden, hat bei Menschen mit einer Behinderung einen sehr hohen Stellenwert.»

Plötzlich legt Ursula den flachen Pinsel zur Seite und verlangt einen runden. Beatrice möchte dem Zeitungsmann die Nase mit Farbe betupfen – was dieser lachend ablehnt – und Margrit summt hingebungsvoll den «Schacher Sepp». Das Lied läuft gerade im Radio im Regal hinter den drei Malerinnen. Ursula ist die Schwerarbeiterin unter den drei Kleindöttinger Künstlerinnen: Unter ihren Händen entsteht mindestens ein Bild pro Woche. Andere schaffen ein oder zwei Bilder pro Monat. Doch wie sagt Maltherapeut und Arbeitsagoge Heinz Bollinger: «Das Ergebnis ist von untergeordneter Bedeutung. Was zählt, sind die Freude am Malen und die gemeinsam verbrachte Zeit.»

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