Kennen Sie Oskar Demarchi? Den älteren Pendlern aus dem Zurzibiet und dem Bezirk Baden dürfte der Herr mit dem verschmitzten Lachen, der an den US-Schauspieler Steve Martin erinnert, noch ein Begriff sein. Als Stationsbeamter der Schweizerischen Bundesbahnen sorgte der heute 77-Jährige unter anderem in Leibstadt, Kaiserstuhl-Weiach, Würenlos und in Niederweningen für einen gewissenhaften Ablauf. Demarchi war aber mehr: Er gab den Bahnhöfen ein Gesicht. Er bediente nicht nur die Barriere und das Stellwerk. Er versandte die Fracht, rangierte die Züge, er verkaufte Billette und war ein wandelndes Auskunftsbüro. Sonderwünsche der Kunden gehörten für ihn zum Bahnhof-Alltag. Er erinnert sich an eine ältere Dame, die eine Walliser-Rundfahrt plante. «Sie wollte nach Zermatt durch den Lötschberg hin, zurück über Biel – verbunden mit einer Reservation im Hôtel de la Gare für ein Mittagessen inklusive Menüwahl.» Demarchi hatte den Fahrplan und die touristischen Sehenswürdigkeiten in seinem Gedächtnis abgespeichert. Was heute Google und die SBB-App erledigt, besorgte damals der Stationsbeamte.

Niederweningen wehrt sich

Der gebürtige Zürcher steht an diesem Mittag in Niederweningen am Endpunkt der Linie der S5. Es ist eine Rückkehr an seinen letzten Arbeitsort. Zehn Jahre sind vergangen, seit Demarchi den letzten Zug Richtung Zürich verabschiedete. Heute werden die Weichen von externen Leitzentralen gestellt. Die Bedienung hinter dem Schalter gehört in absehbarer Zeit zur Nostalgie. Auch in Niederweningen.

Der Bahnhof im Wehntal ist vom aktuellen Kostensenkungsprogramm der SBB ebenso betroffen. 2005 verkaufte das Personal schweizweit noch Billette an 262 Haltestellen. Heute sind bediente Schalter nur noch an knapp zweihundert von 794 Bahnhöfen vorhanden, wie die «Schweiz am Sonntag» kürzlich berichtete. Damit hoben die SBB in nur zehn Jahren jede dritte Verkaufsstelle auf. In Niederweningen regt sich gegen den Entscheid Widerstand. Gemeindepräsidentin Andrea Weber kritisiert in einem Brief an die SBB den erneuten Leistungsabbau. «Es ist nicht nachvollziehbar, warum die SBB so viel Geld für Werbung und Befragungen ausgeben und gleichzeitig Hindernisse für die Kunden aufbauen.»

Ein Bahnhof-Nomade

Dieser Meinung schliesst sich Oskar Demarchi an. Er bedauert die fortschreitende Enthumanisierung an den Haltestellen. «Früher war der Bahnhof ein gesellschaftlicher Brennpunkt. Heute ist er zunehmend ein anonymer Ein- und Aussteigeort.» Demarchi, der mit seiner Frau in Kloten lebt, weiss, wovon er spricht. 40 Jahre stand er im Dienst der Schweizerischen Bundesbahnen.

Vom Eintritt 1956 bis 2006. Der rüstige Rentner war ein Bahnhof-Nomade. Wenn er nachrechnet, kommt er auf 57 Bahnhöfe, an denen er gearbeitet und zeitweise gewohnt hat. Von Terzen im Kanton St. Gallen, übers Zürcher Oberland, ins Furttal bis ins Zurzibiet. 625 Franken verdiente er in den Anfangsjahren monatlich. «Das Zimmer im Gebäude nicht selten ungeheizt, die Toilette draussen in einem Schopf». Für eine Mahlzeit im Bahnhofrestaurant wurde ihm etwas über einen Franken verrechnet. «Das hat rentiert», sagt Oskar Demarchi. «Wie dazumal im Übrigen auch noch die SBB.»