Die Wiese und die Obstbäume stehen in voller Blüte. Die Parzelle 175 in Bad Zurzach ist ein verträumter Flecken in einem ruhigen, beschaulichen Wohnquartier. Elisabeth Rohner bereitet ihr unbebautes Stück Land allerdings schlaflose Nächte. In unmittelbarer Nähe soll schon bald die Ostumfahrung durchführen. Ein 75-Millionen-Franken-Projekt, das den historischen Ortskern von Bad Zurzach vom Verkehr entlastet.

Elisabeth Rohner ist in Dietikon geboren, in Bad Zurzach aufgewachsen und zur Schule gegangen. Seit 1981 wohnt die Pensionärin wieder in ihrem Geburtsort. Das besagte Grundstück in Bad Zurzach gehört ihr und der Erbengemeinschaft ihres verstorbenen Bruders. Weil das Projekt die bestehende Erschliessung der Parzelle über die Neubergstrasse tangiert, sind Elisabeth Rohner und die Erbengemeinschaft einspracheberechtigt.

Ende März hat der Regierungsrat die Ostumfahrung genehmigt. 28 Einsprachen waren zuvor eingegangen, mit 19 Einwendern konnte eine Einigung erzielt werden. Falls gegen die Abweisung der neun restlichen Einwendungen keine Rechtsmittel ergriffen werden, kann mit den Bauarbeiten in der zweiten Jahreshälfte 2019 begonnen werden. Doch genau diese Rechtsmittel will Elisabeth Rohner ergreifen. Sie will beim Verwaltungsgericht Beschwerde einreichen. Die Frist dafür läuft am 8. Mai ab. «Falls nötig, gehe ich bis vor Bundesgericht», kündigt Rohner an. Das würde das Projekt wohl um Jahre verzögern.

Rohner stellt klar, dass sie grundsätzlich eine Befürworterin der Ostumfahrung sei. Sie bevorzugt aber die Variante 3, auch «Tunnel» genannt. Die Gemeinde und der Kanton hatten aber Variante 2 («Hoch offen überdeckt») den Vorzug gegeben. Diese führt in einer 190 m langen offenen Strecke entlang des Hangs in einen 530 m langen Tagbautunnel. Variante 3 sah eine bergmännische Ausführung des Tunnels mit anschliessendem Tagbautunnel vor. Aufgrund einer Kosten-Nutzen-Analyse wurde Variante 2 der Vorzug gegeben. Diese Lösung kostet rund 25 Millionen Franken weniger. Von den insgesamt 75 Millionen übernimmt der Kanton 65 und die Gemeinde Bad Zurzach deren 10 Millionen.

Das Gefälle im Tunnel

«Wird im Kanton die Wirtschaftlichkeit höher gewichtet als die Sicherheit von Behinderten?», fragt Rohner. Denn als besonders störend empfindet sie das Gefälle im Tunnel (teilweise 10%). «Im Tunnel wird das behindertengerechte Gefälle um 4% überschritten», sagt sie. In einem Notfall-Szenario sei dies ein nicht tolerierbares Risiko. «Dann wird der Tunnel zum Gehweg und ist keineswegs behindertengerecht.» Für einen Thermal-Kurort, der auch von Behinderten aufgesucht werde, sei dies ein nicht tragbares Risiko. Mit einem längeren Tunnel könnte das Gefälle verringert werden. «Hier wird am falschen Ort gespart», findet Elisabeth Rohner.

Der Kanton sagt, dass der Abschnitt mit hohem Gefälle mit 190 m kurz sei. Höhere Gefälle kommen vor (etwa im Tunnel Silvaplana) und seien zulässig. «An der Sicherheit des Projekts bestehen keine berechtigten Zweifel», schreibt der Kanton, verweist auf die fünf Notausgänge und fügt an: «Bei der Selbstrettung im Ereignisfall sind Personen mit eingeschränkter Mobilität gegebenenfalls auf die Unterstützung anderer Tunnelbenutzer angewiesen.»

Doch Rohner lässt nicht locker: Selbst der Kanton sage, dass Variante 3 gewisse Vorteile habe, insbesondere bezüglich Immissionen und Landschaftsverträglichkeit. Die Mehrkosten werden aber als nicht zumutbar taxiert. In ihrer Beschwerde ans Verwaltungsgericht führt sie ein ganzes Sammelsurium an Anträgen vor. Grundsätzlich ist sie der Ansicht, dass die «lobenswerten und versprochenen Ziele» der Ostumfahrung mit Variante 2 nicht erreicht werden. «Es sind Wege zu finden, um die zielführende Variante 3 umzusetzen.» Dafür will Rohner kämpfen, notfalls bis nach Lausanne.