Um zu Stefanie Heuberger zu gelangen, muss man durch den Wald fahren. Und zwar ein ganzes Stück. Erst wenn sich die Bäume lichten, erreicht man den Hof, auf dem sie aufgewachsen ist und heute noch lebt. Auf dem Achenberg, oberhalb von Bad Zurzach, ist es ruhig. Hier soll eine junge Frau leben, die ein Buch über Piratenabenteuer geschrieben hat? Schwer vorstellbar, doch so ist es. Heuberger ist 22 Jahre alt, gelernte Polymechanikerin und seit diesem Jahr – Autorin eines Abenteuerromans.

In ihrem Buch «Kapitän der Unicorn’s Dream: Höllenhunde» geht es um die 16-jährige Kapitänstochter Sea Horce, die nach dem Tod des Vaters sein Schiff übernehmen will. Nicht jeder in der Besatzung findet gut, dass ein junges Mädchen nun Kapitän sein soll. Um selbst Kapitän des Schiffs zu werden, meutert ihr erster Offizier und verkauft sie auf dem Schwarzmarkt einem Piraten.

Es ist eine Geschichte über eine junge Frau, die sich in einer Männerwelt durchsetzen muss. Überschneidet sich die Welt von Sea Horce mit Erfahrungen, die Heuberger gemacht hat? «Auf jeden Fall. Als Polymechanikerin ist man oft allein unter Männern. Negative Erfahrungen machte ich nie, aber bei manchen Sprüchen braucht es schon eine dicke Haut», sagt Heuberger. Einige Situationen, die im Buch vorkommen, habe sie eins zu eins mit Freunden oder Arbeitskollegen erlebt. «Ich musste sie nu noch in die Piratenwelt übertragen.»

Von Legasthenikerin zu Autorin

Das sie überhaupt zum Lesen kam, hat sie ihrer Legasthenie-Therapie zu verdanken. «Ich war in der dritten Klasse und Lesen lag mir gar nicht. Aber meine Legasthenie-Lehrerin suchte Bücher, die genau meinem Geschmack entsprachen.» Heuberger wurde eine Leserate. Doch wie kommt man schliesslich auf die Idee, selber ein Buch zu schreiben? «Egal welches Buch ich las, ich war oft unzufrieden mit dem Ende. Irgendeinmal wurde mir klar: Wenn ich mit dem Schluss eines Buches zufrieden sein will, muss ich ihn selber schreiben.» Dieser Gedanken kam ihr schon früh. In der Oberstufe hat sie sich dann endgültig entschlossen, ein Buch zu schreiben.

Die Anfänge seien holprig gewesen. Aber das Schreiben wurde zu ihrem Hobby. Auch die Idee mit der Piratengeschichte stand bald. Obwohl Heuberger dazu sagt: «Für mich musste es nicht eine Piratengeschichte sein. Aber es war von Anfang an klar, dass es eine Abenteuergeschichte sein wird.»Abenteuer erleben, frei und ungebunden zu sein, diese Themen erwähnt Heuberger mehrere Male. Sie stehen in einem krassen Gegensatz zum abgelegenen Hof, auf dem sie aufgewachsen ist. «Ich liebe den Achenberg, hier ist mein zu Hause. Aber das Abenteuer hat mich schon immer gereizt.» Während der vierjährigen Lehre zur Polymechanikerin am Paul-Scherrer-Institut in Villigen schrieb Heuberger immer.

Fast 600 Seiten

Und sie wollte auch immer mehr über das Leben zur damaligen Zeit, speziell auf einem Segelschiff, lernen. Bekannte aus einem Verein machte sie auf einen Bootsliebhaber aufmerksam. Sie nahm Kontakt zu ihm auf. Eine enge Zusammenarbeit entstand. Dank ihm konnte sie sich ein grosses Wissen über das Leben auf einem Schiff aneignen. Aber nicht nur das: Heuberger und er sind mittlerweile seit mehreren Jahren ein Paar.

Fertig wurde ihr Buch kurz vor Lehrschluss. Es hat fast 600 Seiten. Wie wusste sie, dass sie am Ende ihrer Geschichte angelangt war? «Das war ganz einfach. Ich schrieb das Buch ja nur, weil mir das Ende bei jedem anderen nicht gefiel. Bei meinem Buch stand das Ende von Beginn her fest.»

Ein Traum ging in Erfüllung

Heuberger ist eine Macherin. Als sie sich entschloss, einen Verleger für ihr Buch zu finden, ging sie unkonventionell vor: Sie schaute, von welchen Verlagen die Bücher bei ihr zu Hause stammten. «Mein Buch ist weder ein Jugendroman, noch scheint ein Piratenbuch Erwachsene anzusprechen. Es war relativ schwierig, einen passenden Verlag zu finden.» Eineinhalb Jahre suchte sie. Fündig wurde sie beim Familienverlag Brighton aus Deutschland. «Dieses Gefühl, als ich den Verlagsvertrag in den Händen hielt, war unglaublich. Es war unglaublich überwältigend, ein Traum ging in Erfüllung.»

Zurzeit gebe sie mehr Geld für die Werbung aus, als dass sie durch den Buchverkauf einnimmt. «Aber ich bin frohen Mutes, dass ich bald die Auslagen wieder abdecken kann.» Heuberger arbeitet hundert Prozent als Polymechanikerin in der ABB. Nebenbei organisiert sie Lesungen für ihr Buch. Oder sie ist, wie vor zwei Wochen in Frankfurt, im Piratenkostüm an Buchmessen anzutreffen, um Werbung für ihr Buch zu machen.

Die Idee für eine Fortsetzung steht bereits. «Manchmal ist es sehr streng», sagt Heuberger. Aber weniger Arbeiten liegt momentan nicht drin: Heuberger ist am Sparen. Sie will nicht nur über das Abenteuer schreiben, sondern es erleben: «Mein Freund und ich wollen nächstes Jahr mit unserem eigenen Segelschiff Südamerika umrunden.»