Angelo Zambelli kann stolz sein auf seine Nachwuchsförderung. Zufall oder nicht: Er begleitete die beiden aktuellen Chefredaktoren von Aargauer Zeitung und «Schweiz am Sonntag» in ihren Anfängen im Journalismus. Am 1. September 1998 trat ich meine erste feste Stelle an – als Redaktor Zurzach im damaligen az-Aussenbüro Klingnau. Mein Bürokollege: Angelo Zambelli, der schon damals gestandene Redaktor. Mit viel Verve führte er mich Greenhorn in den Regionaljournalismus ein, ich erlebte ihn als engagiert und hilfsbereit – auch dann, als er meine ersten Böcke ausbügeln musste (zum Beispiel hatte ich in einem wichtigen Artikel Klingnau mit Döttingen verwechselt, ein unverzeihlicher Fauxpas).

Zambelli ist auch jemand, mit dem man viel lachen und das Kalb machen kann. Für einen Artikel über fehlende Notrufsäulen auf der Umfahrung Klingnau brauchten wir ein Symbolbild: Kurzerhand montierten wir am Strassenrand ein PTT-Wandtelefon mit Wählscheibe, und das in einer Zeit, in der man die Zeitung noch viel konventioneller gestaltete als heute. Keine Ahnung, was die Leser von diesem Foto hielten – wir jedenfalls hatten unseren Spass.

Früher in diesem Jahr 1998 absolvierte ein Student namens Patrik Müller ein mehrmonatiges Praktikum bei Zambelli – der heutige Chefredaktor der «Schweiz am Sonntag». Wir können beide bestätigen, was Nadja Rohner sagt, seine heutige Arbeitskollegin: «Aus meinem allerersten Praktikum ist mir Angelo als derjenige in Erinnerung geblieben, der sich am meisten Zeit für die Praktikanten nahm und trotz Stress immer ein offenes Ohr für uns hatte.»

Fussballer aus dem Glarnerland

Angelo Zambelli – Ende Monat wird er pensioniert, nach 35 Jahren bei Badener Tagblatt und Aargauer Zeitung. Zambelli gehört zu jener selten werdenden Gattung von Journalisten, die einst mit einer technischen Lehre im Zeitungsgewerbe begannen. Zambelli wächst im Glarnerland auf, was man bis heute leicht hört, dort absolviert er eine Lehre als Schriftsetzer. Wegen des Fussballs zügelt er in den Aargau, er spielt in der Nachwuchsmannschaft des FC Wettingen. 1979 beginnt er beim Badener Tagblatt und leitet die Reprofotografie im Akzidenzdruck.

Mit der Zeitung hat er damals noch nichts zu tun. Bis er eines Tages gefragt wird, ob er nicht gegen Honorar über die Eröffnung eines Sportgeschäfts berichten könnte. Er erledigt das zur Zufriedenheit aller, die Aufträge werden mehr und mehr, und so rutscht Angelo Zambelli mehr durch Zufall als durch Planung in den Journalismus. Anfang der 1980er-Jahre wechselt er fest in die Redaktion und betreut dort zuerst die «A bis Z»- und die Frontseite.

Eines Tages wird im Ressort Sport eine Stelle frei. Angelo Zambelli ist damals wie heute ein passionierter Sportler, er spielt Fussball und Tennis, geht im Winter Ski fahren und im Sommer surfen. Fortan besucht er Skiweltcuprennen in ganz Europa, die Olympischen Spiele in Albertville. Das Ressort Sport ist für Angelo Zambelli eine wertvolle Schule: Dort lernt man wie nirgends sonst im Journalismus, schnell zu arbeiten.

Zwischendurch gibt es Zambellis Abstecher zum Fernsehen. Er liest die Nachrichten im «Rüsler TV», dem Vorgängersender von Tele M1. «Das ist mir bis heute peinlich», sagt Zambelli mit seinem ganz eigenen Humor. Unvergessen bleibt seinen damaligen Kollegen jene Episode, als sich Zambelli in sanfterem Licht beleuchten lassen will und deshalb Papier vor den Scheinwerfer klebt. Das lässt seine Haut tatsächlich sanfter erscheinen. Was er jedoch beim konzentrierten Ablesen der Nachrichten in seinem Ein-Mann-Studio nicht bemerkt: dass das Papier starken Rauch entwickelt und Feueralarm auslöst. Bis Otto Wanner, der damalige Verleger, ins Studio stürmt …

Angelo Zambelli muss lachen, als ich ihn daran erinnere. Ohnehin besitzt er die seltene Gabe, herzhaft über sich selber lachen zu können. Auch deshalb ist er allen stets ein beliebter Kollege. Zambelli erzählt von Malheuren, die anderen peinlich wären. Wenn er etwa mit dem Auto über seine Fototasche fährt, die er kurz davor hinter dem Auto abgestellt hat. Oder wenn er am Winzerfest Döttingen mit dem Schuhlöffel im Schuh herumläuft, bis er es selber irgendwann merkt.

1992 wechselt Zambelli ins Ressort Zurzach/Aaretal, im Jahr 2000 wird er dessen Chef. Im Zurzibiet kennt Angelo Zambelli jeden, und jeder kennt ihn. Er wohnt dort, lebt dort, arbeitet dort – ideal für einen Regionalredaktor. Das Zurzibiet gehört zu den publizistisch am härtesten umkämpften Gebieten des Aargaus, da es mit der «Botschaft» über eine gut verwurzelte, drei Mal wöchentlich erscheinende Lokalzeitung verfügt. In diesem Umfeld ist es besonders wichtig, dass Zambelli immer wieder eigene Akzente setzen kann, was ihm dank guter Vernetzung und einem Gespür für Geschichten auch regelmässig gelingt.

Zambelli bedauert es sehr, dass das Aussenbüro Klingnau im Zuge eines Sparprogramms geschlossen und das bisherige Ressort in Baden im Grossressort Aargau Ost aufgeht. Damit geht ein Stück Verbundenheit und Verankerung in der Region verloren. Und trotzdem – Zambelli schaut gerne auf die Jahrzehnte im Zurzibiet zurück: «Nirgends ist unser Beruf so vielfältig wie in den Regionen. Die Begegnungen mit den Menschen waren das Schönste. Manchmal musste ich ihnen auf die Füsse treten – aber was solls?»

Endlich Zeit zum Surfen

Der Job bringt aber in neuerer Zeit auch Aspekte mit sich, die Zambelli die Freude daran trübten. Deshalb entschliesst er sich, ein Jahr vor der regulären Pensionierung aufzuhören. Endlich wird er nun die Musse haben, um «einen Gang zurückzuschalten», wie er sagt. Um mehr Tennis zu spielen, unter der Woche Ski fahren zu gehen, endlich mal wieder mit dem Surfbrett an den Hallwilersee zu fahren, ab und zu als Sportfotograf zu arbeiten und mal was ganz Neues auszuprobieren: zum Beispiel einen Sommer lang auf einer SAC-Hütte zu arbeiten. Zambelli hatte früh Kinder, inzwischen sind bereits seine Enkel erwachsen – wer weiss, vielleicht gibt es schon bald einen Urenkel zum Hüten. Und ja: Angelo Zambelli wird als freier Mitarbeiter weiterhin für die az arbeiten. Er wird aus einem Fundus von jahrzehntelanger Erfahrung schöpfen können.

Ich danke Angelo Zambelli im Namen der Chefredaktion herzlich für seinen Einsatz in den vergangenen Jahrzehnten. Und ich danke ihm persönlich für alles, was er mir in meinen Anfängen als Journalist beigebracht hat.