Mobilfunk

Vom Kanton bewilligt: Warum Lengnauer gegen eine unsichtbare 5G-Antenne auf die Barrikaden gehen

Die Antenne im Kirchturm wäre von aussen nicht zu sehen.

Kirchen stehen oft mitten im Dorf und an leicht erhöhter Lage. Das macht sie zu idealen Standorten für Handy-Antennen. Die Kirchtürme in Leuggern und Abtwil senden bereits – in Lengnau regt sich Widerstand.

Niemand würde sie sehen. Sie wäre versteckt. Wahrscheinlich würde sie irgendwann in Vergessenheit geraten und die Lengnauerinnen und Lengnauer würden sich stattdessen über den guten und schnellen Empfang freuen. Adieu, Funkloch! Aber so einfach ist das nicht mit der Handy-Antenne, die der Mobilfunkanbieter Salt im Kirchturm bauen will.

Das Baugesuch hängt im Glaskasten der Gemeinde. Die Frist für Einsprachen läuft noch bis zum 6. August. Gemeindeammann Franz Bertschi sagt, Salt habe ein normales Baugesuch eingereicht. Die Gemeinde habe dieses nach Aarau ans Baudepartement geschickt. «Der Kanton hat das Baugesuch bewilligt», sagt Bertschi. Also habe man das Bauvorhaben normal ausgeschrieben. Bertschi rechnete mit Widerstand. «Das Thema 5G wird derzeit heiss diskutiert und die Bevölkerung ist verunsichert.» Es seien bereits ein paar Einzeleinsprachen eingegangen und es werde auch eine Sammeleinsprache gegen die geplante Antenne geben, sagt der Gemeindeammann.

In Lengnau werden Unterschriften gegen die geplante Antenne gesammelt.

In Lengnau werden Unterschriften gegen die geplante Antenne gesammelt.

Im Dorf werden Unterschriften gesammelt

Die Mitarbeiterin an der Volg-Kasse steht auf, als sie nach der Unterschriftensammlung gegen die geplante Antenne gefragt wird. Sie verschwindet im Hinterzimmer und kommt mit dem Sammelbogen zurück. Ein anderer sei schon voll, sagt sie. «Einsprache» heisst es darauf. Die Gegner der Anlage machen sich vor allem Sorgen wegen der Strahlenbelastung.

Insbesondere, weil sich die Antenne mitten in der Wohnzone befinden würde. Ausserdem sind sie «entschieden dagegen, dass die Handy-Antenne in unserem Kirchturm gebaut wird!»
Beim Coiffeur vis-à-vis lässt sich gerade eine Kundin die Haare schneiden. Sie wohnt in der Nähe der katholischen Kirche. «Wir sind gar nicht begeistert. Hauptsächlich wegen der Strahlung», sagt sie. Pragmatischer sieht es Ruth Bürgi, die Besitzerin der Bäckerei im Dorf. Auch in ihrem Geschäft sei einmal ein Unterschriftenbogen aufgelegen. Sie habe ihn aber weggeworfen, weil niemand unterschrieben habe. Die geplante Antenne sei bei ihrer Kundschaft kein Thema. «Ich vermute, dass die Pläne zu wenig publik sind. Ausserdem ist gerade Ferienzeit.» Sie findet, dass der Kirchturm vielleicht nicht der ideale Ort sei. «Aber heute hat jeder ein Natel und irgendwo muss der Empfang ja herkommen.»

Angst um die Vögel, die im Kirchturm nisten

Die Stammgäste im Gasthaus zur Krone nebenan haben mitbekommen, dass eine Antenne gebaut werden soll. Sie sind etwas erstaunt, dass sich die Kirchgemeinde für so etwas hergibt. Einer wirft ein, dass im Kirchturm Vögel nisten. Diese würden sicher gestört, ist er überzeugt.

Claudia Laube ist Präsidentin der Kirchenpflege Lengnau-Freienwil. Sie gibt Entwarnung, was die Mauersegler betrifft. Bei einer Turmbegehung im letzten Jahr seien die Begebenheiten mit dem Natur- und Vogelschutzverein Lengnau und Salt angeschaut worden. «Es ist klar, dass die Mauersegler unter allen Umständen geschützt werden müssen und sie Vorrang vor einer eventuellen Antenne haben», sagt Laube.

Die Kirchenpflege habe auch Kontakt mit dem Kirchenpflegepräsidenten in Würenlingen aufgenommen. Dort sei vor nicht allzu langer Zeit eine Antenne in den Kirchturm eingebaut worden. Würenlingen habe durchweg positive Erfahrungen gemacht, sagt Laube. «Deshalb haben wir letztes Jahr beschlossen, auf die Anfrage von Salt einzugehen.»

Die Kirchgemeindeversammlung sei Ende November informiert worden. «Der Grundgedanke der Kirchenpflege war, eine ästhetische Lösung anzubieten, da die Antenne im Kirchturm versteckt wäre.» Man sei sich aber bewusst, dass Leute Angst vor der Strahlenbelastung hätten. Deshalb sei die Kirchenpflege froh darüber, dass das Bauvorhaben eine Diskussion anstosse und sich die Bevölkerung Gedanken zum Thema mache.

Anlage nicht sichtbar

Während in Lengnau noch nichts entschieden ist, sind neben Würenlingen auch die Kirchtürme in Abtwil, Oberrohrdorf und Leuggern zu Sendetürmen umgerüstet worden. Für Mobilfunkanbieter sind Kirchtürme gut geeignete Standorte. «In der Regel sind sie zentral gelegen und höher als die umliegenden Gebäude», teilt Salt mit. Zudem könne die Anlage so installiert werden, dass sie nicht sichtbar ist. Eine Statistik über die Zahl der Anlagen in Kirchtürmen führt Salt nicht. Auch Swisscom macht keine Angaben zu einzelnen Standorten, teilt aber mit, dass Kirchtürme «immer wieder» genutzt würden. Sunrise legt offen, dass sie aktuell im Kanton Aargau eine Antenne in einem Kirchturm betreibe: in Abtwil. Alle drei Anbieter halten fest, dass es bei Bauvorhaben in Kirchtürmen nicht mehr Widerstand gebe als bei anderen Standorten. Im Aargau wurde bis jetzt eine Antenne in einem Kirchturm verhindert, wie «Horizonte» berichtet. In Reitnau hat die Kirchgemeinde eine Mobilfunkanlage abgelehnt.

Die Antenne in Leuggern ist seit einem Jahr in Betrieb. Für die Kirchenpflege sei relativ klar gewesen, dass sie Hand bieten werde, als Swisscom anfragte, sagt Präsident Beat Elsener. Auch die Dohlen, die im Kirchturm nisten, fühlten sich weiterhin wohl. «Bei der Installation der Antennen wurden die Brutkästen so positioniert, dass sie nicht im Strahlenfeld liegen.»
Swisscom, Salt oder Sunrise zahlen allen Standortgebern für den genutzten Platz Miete. Sind die Antennen also eine willkommene Einnahmequelle für Kirchgemeinden, die bekanntlich mit Mitgliederschwund kämpfen? Die Entschädigung sei eine «angenehme Einnahmequelle», sagt Elsener. «Aber sie war nicht allein der Treiber beim Entscheid für die Antenne.» Die Kirchenpflegepräsidentin von Lengnau sagt, eine Antenne im Turm könne die Probleme der Kirche und die damit eingehenden sinkenden Steuern nicht lösen. «Die Mieteinnahmen sind zu gering, um dieser Herausforderung zu begegnen, da sie nur rund ein Prozent der Steuereinnahmen ausmachen.» Wie hoch genau die Entschädigungen sind, will niemand verraten.

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