Buchenhecken, Kletterrosen und Glyzinien wachsen im kleinen Garten rund um Erich Hallers Haus in Bad Zurzach. Wohl zu idyllisch für einen wie ihn, der sein Leben lang die Veränderung sucht. Tatsächlich träumt der 53-Jährige bereits wieder davon, mit seiner Frau Claudia Richtung Wettingen zu ziehen, wo er aufwuchs. Tochter Rosa ist 19 und steht bald auf eigenen Beinen. Im Dachstock hat Haller sich seine kleine «Männerhöhle» eingerichtet. Ein Fahrrad lehnt auf dem Treppenabsatz. An den Wänden hängen monochrome Bilder, die er mit Pigmentfarbe gemalt hat. Und viele selbst gemachte Fotos von seinen Wanderungen. So marschierte er 260 Kilometer bis nach Locarno. Immer dem Fluss entlang. Beim Unterwegssein entstanden Mundart-Texte und -Gedichte, die Haller vor kurzem in Buchform herausgab. «Schwaarziis» heisst sein erstes Werk. «Dabei war Schreiben in der Schule ein absoluter Krampf für mich. Ich hasste es», gesteht er.

Angefangen hat Haller seine Karriere als Hochbauzeichner. Es folgten ein Architekturstudium an der HTL Brugg Windisch und 10 Jahre im Badener Büro Eppler Maraini Schoop Architekten. Dort wirkte er entscheidend bei der Sanierung des Metroshops mit. Und was macht Erich Haller nach dessen Fertigstellung? Hängt seinen Beruf, der zu den statistisch angesehensten und begehrtesten Metiers zählt, an den Nagel. Und wird Lehrer, einer der inzwischen unbeliebtesten Jobs überhaupt. «Als angestellter Architekt musste ich mich zunehmend nach den Vorstellungen anderer richten. Meine eigene Kreativität kam kaum noch zum Tragen», kommentiert er. Ganz klar wäre als selbstständig Erwerbender seine Freiheit weniger beschnitten gewesen. «Aber für diesen Schritt fehlte mir der Mut.»

Weil Haller neben seiner Tätigkeit als Architekt Berufsschulunterricht für Hochbauzeichner gab, lernte er die pädagogische Arbeit mit Jugendlichen zu schätzen. Und machte auf dem zweiten Bildungsweg die Primarlehrer-Ausbildung. Statt Pläne zu zeichnen und mit Bauherren zu verhandeln, stand er alsbald vor dem Nachwuchs der Schule Leibstadt, der ihm so schöne Fragen stellte wie: «Isch en Zug, wo bim Bahnhof ned aahaltet, en Durchzug?» Er brachte den Kids Schreiben, Rechnen, Lesen, Werken, Zeichnen und Naturkunde bei. «Ich war bei der Gestaltung meines Unterrichts relativ frei und konnte viel von mir selber einbringen», erzählt Haller.

Eigene Bedürfnisse ernst nehmen

Wenn er mit seiner angenehm melodiösen Stimme über sein Leben spricht, spielt ständig ein leichtes Lächeln um seine Lippen. Er wirkt völlig entspannt. Aber das war nicht immer so. «Ich war ein extrem schüchternes Kind, das an den Nägeln kaute. Den Knopf tat ich erst im Erwachsenenalter auf.» Der Umsteiger lernte, dass er nur zufrieden sein kann, wenn er seine eigenen Bedürfnisse ernst nimmt und zu sich selbst steht. «Das war der Grund, warum ich mit der Architektur aufhörte.»

Als im Aargau die integrative Schulung zur Einführung kam und Kleinklassen für Kinder mit Lernschwierigkeiten abgeschafft wurden, liess sich Haller an der HFH Zürich zum schulischen Heilpädagogen weiterbilden. Seither arbeitet er intensiv mit Kindern, die Lernschwierigkeiten haben. Die neue Aufgabe entspricht dem Pädagogen mit vier Ausbildungen voll und ganz. «Als Klassenlehrer musste ich meine Antennen immer überall haben.» Dabei liegt ihm Multitasking keineswegs. «Ich bin ein Befürworter des Monotaskings. Mache lieber eine Sache gründlich, statt mehrere Dinge nur halb und oberflächlich.»

Nach 16 Jahren an der Schule Leibstadt hat Erich Haller per Ende Schuljahr gekündigt. Er tritt in der Schule Endingen ein reduziertes Pensum als schulischer Heilpädagoge an. «Ich wollte unbedingt nochmals an einem anderen Ort neu anfangen. Je älter man wird, desto schwerer fallen einem solche Veränderungen.» Zwar bezeichnet sich Haller noch immer als scheuer und zurückgezogener Mensch. Trotzdem steht er durchaus gerne in der Öffentlichkeit. Nicht nur vor seinen Schulklassen, auch auf der Theaterbühne. Seit fünf Jahren amtet er als Präsident des Laientheatervereins LATZ in Bad Zurzach, und spielt seine Rollen an so unerwarteten Orten wie in einer Reha-Klinik oder auf einem stillgelegten Friedhof.

Erich Haller, Bad Zurzach

Erich Haller ist auch Präsident des Laientheatervereins LATZ in Bad Zurzach.

Erich Haller, Bad Zurzach

Von Brugg auf den Grimselpass

Und der Mann ist wieder unterwegs: «Diesmal geht es zu Fuss dem Aareufer entlang.» Er startet in Brugg. Sein Endziel wird bei der Quelle auf dem Grimselpass sein. Schon wieder Stoff für ein zweites Buch? «Erraten!», lacht Erich Haller und strahlt übers ganze Gesicht. «Den Arbeitstitel hab ich schon.» Zu ihm passen würde in jedem Fall «Das einzige Konstante im Leben ist die Veränderung».