Person am Montag

Vollblutmusiker: «Mein Leben ist voller Kehren und Windungen»

Martin Schlumpf in seinem heimeligen «Musighüsli» an der alten Endingerstrasse in Würenlingen. Angelo Zambelli

Martin Schlumpf in seinem heimeligen «Musighüsli» an der alten Endingerstrasse in Würenlingen. Angelo Zambelli

Der 67-jährige Martin Schlumpf ist ein studierter Vollblutmusiker und ein «beeinflussbarer Suchender», wie er selbst sagt.

Das «Musighüsli» hinter dem Haus von Martin und Antoinette Schlumpf an der alten Endingerstrasse in Würenlingen atmet Musik. Im Zentrum steht seit wenigen Tagen ein Flügel, daneben ein Bass und im ganzen Raum verteilt mehrere Klarinetten und Saxofone. Das «Musighüsli» ist das Reich von Martin Schlumpf, pensionierter Professor der Zürcher Hochschule der Künste und Musiker durch und durch. «Für mich ist es ein Superhüsli», sagt Schlumpf voller Enthusiasmus. «Ein Ort, an dem ich musiziere, komponiere und meditiere.»

Wer nun meint, komponieren sei die einfachste Sache der Welt und gehe locker von der Hand, irrt: «Manchmal ist es ein einziger Kampf», sagt Schlumpf. «Ich bin auch schon schweissgebadet aufgewacht mit dem Gedanken: ‹Was hast Du da für einen Mist geschrieben?!» Schlumpf bezeichnet sich selbst als Nachtmensch.

Da kommt ihm die Abgeschiedenheit des «Musighüsli» gerade recht: «Ich kann bis weit in die Nacht hinein üben und komponieren, ohne jemanden zu stören.» Gesellschaft leisten ihm die vielen Musikinstrumente, die spannende Geschichten erzählen könnten, wären sie in der Lage, zu reden.

Entspannung im Münstertal

Komponiert Martin Schlumpf, wechselt er vom Arbeitstisch zum Flügel – und wieder zurück. Im Laufe der Zeit hat er sich eine Arbeitsweise angeeignet, die nicht viele Menschen praktizieren. Er arbeitet 11 Monate intensiv und geht danach mit seiner Frau Antoinette einen Monat lang nach Lü im Münstertal, wo die Schlumpfs jeweils ein Ferienhaus mieten. Das Haus liegt auf 2000 Meter über Meer und bietet ideale Vorausetzungen zum Entspannen. In Lü stehen weder Konzert- noch Kinobesuche auf dem Programm, sondern bergwandern, komponieren und Comics lesen.

Ein wichtiges Ensemble in Martin Schlumpfs Leben: das Aargauer Saxofon-Quartett im Jahr 1990. Von links: Mathias Baumann (Tenorsax), Beat Blaser (Baritonsax), Georges Müller (Altsax), Martin Schlumpf (Sopransax).

Ein wichtiges Ensemble in Martin Schlumpfs Leben: das Aargauer Saxofon-Quartett im Jahr 1990. Von links: Mathias Baumann (Tenorsax), Beat Blaser (Baritonsax), Georges Müller (Altsax), Martin Schlumpf (Sopransax).

Martin Schlumpf entspricht überhaupt nicht dem Klischee eines verschrobenen, weltfremden Musikers mit abgewetzter Hose und Strubbelfrisur. Er bezeichnet sich selbst als glücklichen, lebensbejahenden und vielseitig interessierten Menschen. Als Mensch, der seine Familie, die Musik und den Sport liebt: «Mich muss man nicht zwingen, Sport zu treiben. Ohne Sport wäre mir nicht wohl. Fünf Mal in der Woche fahre ich entweder mit dem Velo durch die Gegend, gehe schwimmen oder joggen.» Nach dem Sport isst der Komponist immer ein Müesli, das er wegen der selbst kreierten Zusammensetzung Schlumpf-Müesli nennt: «Das Müesli esse ich erst gegen 11.30 Uhr. Danach brauche ich über mehrere Stunden hinweg kein Essen mehr.»

Sport und gesunde Ernährung haben ihren Teil dazu beigetragen, dass der 67-jährige Vollblutmusiker den Eindruck eines Mannes zwischen 50 und 60 Jahren macht. Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn Schlumpf über seine Einstellung zur Musik im Allgemeinen und zum Komponieren und Improvisieren im Besonderen spricht. Die Begeisterung, für das, was er tut, drückt sich in einer ansteckenden Gestik aus: «Wenn ich etwas mache, mache ich es umfassend und radikal. Wenn ich komponiere, bin ich voll fokussiert und nehme nicht wahr, was um mich herum passiert.»

Schlumpf bezeichnet sich selbst als beinflussbaren Suchenden: «Ich kann nicht immer das Gleiche tun. In meinem Leben gibt es viele Kehren und Windungen.» Daniel Fueter, Direktor der Zürcher Hochschule der Künste, umschrieb Martin Schlumpf einmal treffend als «konstant im dauernden Wandel».

Schlumpf, der Opponent

Seinem Charakter entsprechend gehandelt hat Martin Schlumpf, als er Mitte der Achtzigerjahre einen Zeitungsartikel in die Hände bekam, in dem die Zustände in der Sondermülldeponie «Bärengraben» in Würenlingen beschrieben wurden. In seiner Empörung gründete und präsidierte der erst kurz zuvor nach Würenlingen gezogene Zürcher Musikprofessor eine Oppositionsgruppe mit dem Namen «Eichleputzer» – und handelte sich damit eine Menge Ärger und Anfeindungen ein. «Der Skandal um den Würenlinger Bärengraben hat mich total gepackt», sagt Martin Schlumpf rückblickend. «Es war eine spannende Auseinandersetzung, in der ich mich extrem exponierte, und in der ich von vielen Seiten Unterstützung erhielt.

Es war aber auch eine Auseinandersetzung mit hässlichen Zügen. Für viele war ich der schlimmste Würenlinger überhaupt. Ich wurde bedroht und konnte mir nicht mehr sicher sein, heil aus dieser Sache herauszukommen.» In dieser stürmischen Phase seines Lebens kam Schlumpfs radikales Wesen zum Vorschein. Er stellte seine Arbeit als Professor für Musiktheorie an der Zürcher Hochschule für Künste hintenan und widmete sich mit aller Kraft dem Studium der Unterlagen zur Würenlinger Sondermülldeponie. Kraft, die nicht wenigen Anfeindungen durchzustehen, schöpfte Schlumpf aus der Überzeugung, das Richtige zu tun und sicher zu sein, dass sein Engagement gegen den «Bärengraben» keinerlei Auswirkungen auf die Professur an der Zürcher Hochschule für Künste haben würden. Inzwischen hat sich die Situation rund um den «Bärengraben» beruhigt. Heute fühlt sich Martin Schlumpf in seinem Wohnort integriert und anerkannt.

Konzertreihe in der «Druckerei«

Nach seiner Pensionierung vor drei Jahren widmet sich Martin Schlumpf praktisch ausschliesslich dem Komponieren. 2013 hatte er Uraufführungen in Gent, St.  Petersburg, Portsmouth (USA) und zweimal in Zürich. Für die nächsten Jahre schmiedet er grosse Pläne: Zusammen mit Starpianist Oliver Schnider aus Ennetbaden und dem Argovia Philharmonic plant er eine Uraufführung. Fest steht auch, dass Schlumpf in der «Druckerei» im Badener az-Hochhaus eine eigene Konzertreihe durchführen wird. Sie segelt unter dem Titel «Schlumpf +» und enthält alles, was den Würenlinger Komponisten ausmacht: «Lebendige Musik, in der Klassik und Jazz, alt und neu miteinander verschmelzen.»

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