Im letzten Winkel seines Ladens, versteckt hinter einem unscheinbaren Vorhang, lagert Kurt Mathis seine Schätze. Mit präzisem Griff zieht er eine Platte aus dem Regal, das Cover so unscheinbar wie der Vorhang, das Preisschild dafür umso bemerkenswerter.

3392 Franken kostet das rare Stück Vinyl. Eine limitierte Auflage von «Song of a Gypsy» von Damon. Psychedelischer Rock aus dem Ende der 1960er-Jahre. «Die Platte war Teil einer Sammlung, die ich aufgekauft habe», erzählt Mathis und zieht mit flinker Hand weitere Alben aus dem Regal. Alle mehrere Hundert Franken wert.

Durchquert man den Raum, schlendert an den Gestellen mit 30 000 Platten vorbei, trifft man auf das andere Ende der Preisskala: Beim Eingang steht als Blickfang ein «5-Liber-Wägeli». Fünf Franken pro Scheibe. Die «Rille» bietet für jedes Portemonnaie etwas. Und für fast jeden Geschmack. Rock bis Reggae, 50er-Jahre bis heute. «Ausser Klassik und Schlager führe ich alles», sagt der 62-Jährige.

Mathis ist gelernter Textil-Verkäufer, gearbeitet hat er nie auf dem Beruf. 27 Jahre war er in der Versicherungsbranche tätig, bis er im Dezember 2017 auch diese verliess und sich fortan nur noch seiner Leidenschaft widmete. Eine Leidenschaft, die ihn früh packte. «Schon als Junge arbeitete ich auf der Baustelle, damit ich mir die Platten leisten konnte.»

In den 1980er-Jahren betrieb er mit Kollegen in Brugg den Plattenladen «Fairplay». Heute hat Mathis eine der grössten Sammlungen der Schweiz. Als in den Nullerjahren alle ihre Platten loswerden wollten, begann er, Sammlungen aufzukaufen. Vor drei Jahren zügelte er mit seiner Frau von Villigen nach Würenlingen. Und fand in der ehemaligen Schreinerei an der Siggenthalerstrasse 16 das ideale Verkaufslokal für seine Sammlung. Die hellen, grosszügigen Räume sind mit viel Liebe zum Detail hergerichtet. Fotos und Zitate von Musikern stechen ins Auge, viel Holz sorgt für eine wohlige Atmosphäre.

Fast die Hälfte sind Junge

«Klar habe ich hier keine Passantenlage», sagt Mathis, «eine fünfköpfige Familie könnte ich nicht ernähren», so der Vater dreier erwachsener Kinder. Dennoch teilen immer mehr Leute seine Faszination für Schallplatten. Die Presswerke, welche die Baisse überlebt haben, seien heute total ausgelastet.

«Vinyl bedeutet back to the future», sagt Mathis. Das einst totgesagte Medium kommt vor allem bei den Jungen gut an. «40 Prozent meiner Kunden sind unter 20 Jahre alt. Tendenz steigend», sagt Mathis. Es sei ein Gegentrend zur Flüchtigkeit des Internets, weg von der Hektik, weg von der Wegwerfmentalität.

Er könne sich noch heute an seine erste Platte – eine von Joe Cocker – erinnern, sein Sohn hingegen habe seinen ersten Download längst vergessen. «Die Haptik, das Spüren und das Fühlen, das Riechen stehen im Vordergrund.» Mp3, Spotify oder Youtube können das nicht bieten. «Vinyl hingegen ist Kunst», sagt Mathis.

Und diese Kunst zelebriert er in seinem Geschäft. Das Ambiente, das online verloren geht, wird in Würenlingen hochgehalten. In einer Hörecke warten Plattenspieler und Sessel auf die Kunden, an einem grossen Tisch kann Kaffee getrunken, diskutiert und philosophiert werden.

Neben der Kaffeemaschine findet sich eine Maschine zum Reinigen von Schallplatten und auch Plattenspieler stehen im Angebot. «Die Boomjahre der 80er sind zwar vorbei», sagt Mathis, «aber die Schallplatte hat sich als Nischenmarkt etabliert.» Bis er 70 ist, will er mit seinem Laden sicher weitermachen. «Ich arbeite alleine hier», sagt er, «alles steht und fällt mit mir.» Das Vinyl und Mathis, zwei Evergreens, die sich gefunden haben.