Ruderrennen

Verrückt? «Das ist Ansichtssache» – der Döttinger Samuel Widmer rudert über den Atlantik

Samuel Widmer will 5000 Kilometer rudern.

Samuel Widmer will 5000 Kilometer rudern.

Er bereitet sich auf einen aussergewöhnlichen Wettkampf vor. Samuel Widmer aus Döttingen will am härtesten Ruderrennen der Welt teilnehmen. Dabei sass er vorher noch nie in einem Ruderboot.

Er selbst bezeichnet sich als ruhige Person, die sich gerne in der Natur aufhält, Berge besteigt und durch Schluchten wandert. Samuel Widmer deswegen als verrückt zu bezeichnen, wäre unangebracht. «Das ist sowieso Ansichtssache», sagt der 25-Jährige. «Oder dann müsste man erklären, was man darunter versteht.» Anlass zur Annahme, dass er trotzdem ein wenig anders tickt als der Durchschnitt, besteht bei ihm aber durchaus. Als Beleg dienen die Eckdaten für sein geplantes Projekt mit drei Kollegen.

Die da lauten: 5000 Kilometer von der Kanareninsel La Gomera über den Atlantik in einem Ruderboot. Dauer je nach Verhältnissen: zwischen 29 und 60Tagen. Kalorienverbrauch pro Woche: 50'000. Prognostizierter Gewichtsverlust: 12 Kilo. Schlafen am Stück während des Abenteuers: 2 Stunden.

Immerhin umschreiben die vier Freunde ihr Vorhaben nicht als gewöhnlichen Sonntagsspaziergang. Es sei nicht erstaunlich, dass mehr Menschen den Gipfel des Mount Everest bisher erreicht hätten, als erfolgreich über einen Ozean gerudert sind, steht auf ihrer Website ihres Projekts. Doch nur über den Atlantik rudern reicht Samuel Widmer, Jan Hurni, Roman Möckli und Ingvar Groza nicht. Sie wollen zusätzlich den bestehenden Weltrekord brechen. Dazu müssten sie die 3000 Seemeilen in 29 Tagen zurücklegen. «Wir schaffen das», sagt Samuel Widmer. Wenn also nicht verrückt, dann zumindest nicht alltäglich? «Eher neugierig», entgegnet Widmer, der soeben die Ausbildung zum Kantonspolizisten erfolgreich absolviert hat.

Die Talisker Whisky Atlantic Challenge gilt als das härteste Ruderrennen der Welt. Was für die einen eine Schnapsidee sein mag, ist für ein paar Hartgesottene die Herausforderung ihres Lebens. Der Kurs führt von den Kanarischen Inseln über den Atlantik in die Karibik nach Antigua. Der Start erfolgt im Dezember 2021.

Vorher noch nie in einem Ruderboot gesessen

Die vier Freunde, die sich in der Rekrutenschule im Tessin während ihrer Ausbildung zum Grenadier kennen lernten, haben Planung und Aufbauphase längst in Angriff genommen. Sie trainieren täglich zwei Stunden individuell. Dazu treffen sie sich ein- bis zweimal monatlich auf dem Hallwilersee, um im Boot an Ausdauer und Technik zu feilen – betreut von einer Trainerin. Das hat seinen berechtigten Grund: «Ich bin davor noch nie einem Ruderboot gesessen», sagt der gelernte Zimmermann, der in Leuggern aufgewachsen ist.

Das Team: Samuel Widmer (v. r.), Jan Hurni, Roman Möckli und Ingvar Groza.

Das Team: Samuel Widmer (v. r.), Jan Hurni, Roman Möckli und Ingvar Groza.

Unter dem Namen Swiss Raw stechen der 1,90 Meter grosse Athlet und seine Mitstreiter in knapp eineinhalb Jahren in See. Vor einem Monat weilten sie in Frankreich, um ein neun Meter langes und 900 Kilogramm schweres Hightechgerät zu besichtigen. Nächste Woche schauen sie ein weiteres Boot in England an. Dann werde entschieden. «Wir kaufen das Boot zu viert und hoffen, es nach dem Rennen wieder zu verkaufen», sagt Samuel Widmer. Die Kosten belaufen sich auf rund 50'000 Franken. Das Geld für Boot, Equipment, Renngebühren, Nahrung und Transport wollen sie durch Crowdfunding und Sponsoren zusammenbekommen. «Unser Ziel ist es, mindestens 170'000 Franken zu sammeln», so Widmer. Die sportliche Herausforderung verbinden sie mit einem wohltätigen Zweck. Die überschüssigen Einnahmen ihrer Challenge sollen Kovive zufliessen, einem Schweizer Kinderhilfswerk, das armutsbetroffene Kinder und Jugendliche unterstützt.

Wie spendenfreudig sind die Leute in Coronazeiten?

Ende August soll ihr Vorhaben auf der Plattform «I belive in you» aufgeschaltet werden. Wenn bei Widmer Zweifel aufkommen, dann höchstens, weil es schwierig abzuschätzen sei, wie spendenfreudig die Leute in Zeiten von Corona sind. Bis Ende Jahr hoffen sie auf 50'000 Franken. Durchziehen werden sie ihr Projekt unabhängig davon. «Wenn es nicht reicht, werden wir die Differenz mit Eigenmitteln ausgleichen.»

Aus der Ruhe bringen lassen sich die vier ohnehin nicht so schnell. In ihrer gemeinsamen Zeit in der Grenadier-RS haben sie gelernt, mit Stress umzugehen. Die Antwort, wie belastungsfähig sie körperlich und mental tatsächlich sind, werden sie spätestens dann erhalten, wenn sie am 21. Dezember des kommenden Jahres in La Gomera ablegen. Garantiert.

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Autor

Daniel Weissenbrunner

Daniel Weissenbrunner

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