Die Geschichte liest sich so unglaublich wie ein modernes Theaterstück. Mitte der 1980er-Jahre gründete Jón Laxdal (1933–2005) das Theater in Kaiserstuhl. Ende Jahr stellt es den Betrieb ein. Derniere an Silvester. Mit dem Stück «Der Trinker», das am 15. Oktober Premiere feiert. Ursache ist ein verworrener Fall um die Staatsangehörigkeit von Tyko Strassen, der das Theater zusammen mit seiner Frau Katerina Laxdal leitet.

Strassen ist 1963 in San Francisco geboren und erhielt somit automatisch die US-Staatsbürgerschaft. Mit sechs Jahren kam er in die Schweiz und wurde mit 19 eingebürgert. «Dazu musste ich zuhanden der US-Botschaft eine Erklärung verfassen, dass ich auf meine US-Staatsbürgerschaft verzichte», sagt Strassen. Als er jedoch wenig später in die Staaten reisen wollte, erfuhr er, dass sein US-Pass immer noch gültig sei, weil seine Verzichtserklärung nicht rechtskräftig war.

Strassen war bei der Unterschrift noch keine 21 Jahre alt, wie es vorgeschrieben war. In den nächsten 30 Jahren spielte der Vorfall in Strassens Leben keine Rolle mehr. Er ist Schweizer, fühlt sich als Schweizer, bezahlt hier Steuern, ging ins Militär und arbeitete als Mathematik-Dozent.

Erst als das Bankgeheimnis fiel und das Fatca-Abkommen (siehe Box) in Kraft trat, erschien das Thema wieder auf dem Radar von Strassen – und Strassen auf dem Radar der Bank. Seit der Heirat 2015 mit Katerina Laxdal führen die beiden ein gemeinsames Privat- und Geschäftskonto. Im Januar 2016 wurde er von der Postfinance aufgefordert, seinen möglichen Status als US-Bürger offenzulegen.

Strassen schrieb am 17. Februar zurück: «Mein genauer US-Steuerstatus ist mir unbekannt, und ich habe als permanent in der Schweiz wohnhafter Schweizer Bürger auch keinerlei Absicht, Abklärungen hierüber zu treffen. Steuern in den USA habe ich noch nie entrichtet – und ich habe als Schweizer Bürger, solange ich in der Schweiz wohnhaft bin, auch keinerlei Absichten, dies jemals zu tun.»

Verhalten sei «nicht-kooperativ»

Strassen stellte sich stur, und die Bank kam ihrer Pflicht nach. Ende März waren der Zugang zum Onlinebanking gesperrt, Bank- und Kreditkarten eingezogen. Schliesslich wurde das Privatkonto des Paares aufgelöst. Die Postfinance schrieb: «Ihre Geschäftsbeziehung wird gemäss Fatca als ‹nicht-kooperativ› eingestuft. Aus diesem Grunde sehen wir uns gezwungen, Ihre Geschäftsbeziehung aufzuheben.»

Strassen betont, dass der Theaterbetrieb nicht wegen Geldmangels eingestellt wird (vom Aargauer Kuratorium etwa wurde für 2016 ein Betrag von 75 000 Franken gesprochen). Vielmehr hat sich das Leben des Ehepaars seit der Kontoschliessung massiv verkompliziert. Der Lohn fliesst nicht mehr aufs Konto, sondern muss bar ausbezahlt werden. Daueraufträge wurden sistiert. Onlinebanking gibt es nicht.

«Für banale Sachen betreiben wir einen wahnsinnigen Aufwand», sagt Strassen. «Wegen dieses Zusatzaufwandes sehen wir uns nicht mehr in der Lage, neben unserer Berufstätigkeit auch noch das Theater weiterzuführen», erklärt das Ehepaar. Mit dem Wegfall des Theaters verringere sich dieser Zusatzaufwand um etwa zwei Drittel.

Strassen bedauert sehr, «dass wegen dieser unglaublichen Geschichte eine kulturelle Institution in Mitleidenschaft gezogen wird». Für ihn ist aber auch klar: «Ich will in den USA sicher keine Steuern bezahlen.» Ende Jahr fällt also der letzte Vorhang im Laxdal-Theater. Bis Ende März dauert noch der Mietvertrag. Eine spätere Rückkehr ans Theater schliesst Strassen aus. «Es würde mich aber sehr freuen, wenn jemand das Theater weiterführen möchte.»