Prozess in Baden

Urteil gefällt: Einer der Raser von Würenlingen muss ins Gefängnis – der andere entgeht dem Landesverweis

Raserunfall Würenlingen - Das Fahrzeug der korrekt fahrenden Autolenkerin wurde beim Aufprall stark beschädigt.

Raserunfall Würenlingen - Das Fahrzeug der korrekt fahrenden Autolenkerin wurde beim Aufprall stark beschädigt.

Das Bezirksgericht Baden verurteilt zwei junge Männer für ein Rennen vor zwei Jahren mit schwerem Unfall in Würenlingen – einer der beiden überlebte nur mit viel Glück. Und er brauchte sechs Monate, bis er die Reha überstanden hatte.

Ein Zufall rettet einem Motorradfahrer an seinem 19. Geburtstag das Leben – nach einem schweren Unfall. Geschehen ist das am Samstag, 11. August 2018, kurz nach Mitternacht. Der 19-jährige Portugiese liefert sich auf der Industriestrasse in Würenlingen ein Rennen mit einem 22-jährigen Schweizer.

Ein 16-Jähriger gibt unter der «Holcim»-Brücke, die zum Zementwerk führt, das Startzeichen. Er hebt die Hände in die Höhe, lässt sie fallen. Der Portugiese gibt mit seiner Yamaha links auf der Gegenfahrbahn Gas, der Schweizer rechts in einem Audi. Das erste Rennen endet ohne Sieger. Etwas später wiederholen sie das Duell, geben wieder Gas. Erlaubt sind hier 50 km/h. Beide haben ihre PS-Boliden von ihren Vätern ausgeliehen.

Die Industriestrasse in Würenlingen.

Die Industriestrasse in Würenlingen.

An der Industriestrasse wurden zumindest damals regelmässig solche Beschleunigungsrennen ausgetragen. Auto- und Töfffans treffen sich an der Coop-Tankstelle beim Aarepark-Kreisel. Die schnurgerade Industriestrasse ist wenige hundert Meter lang. Sie führt vorbei an Gewerbehallen und Industriebetrieben auf der einen Seite, am Bahngleis und dem Zementwerk auf der anderen Seite. Nachts fährt hier kaum jemand durch. Ein Rennen hier scheint den beiden daher ungefährlich.

Plötzlich sehen sie drei Scheinwerfer

Dieser Irrglaube wird den beiden zum Verhängnis. Eine Mutter holt am Bahnhof Siggenthal-Würenlingen – er befindet sich einige hundert Meter weiter – ihren Sohn und dessen Freundin ab, die mit dem Zug aus Italien heimgekehrt sind. Die Mazda-Lenkerin fährt für den Heimweg eine Kuppe hinauf in die Industriestrasse. Nun sehen die Mazda-Insassen drei grelle Lichter – die Scheinwerfer des Autos und des Motorrads. Und dieses knallt nur wenig später in eine vordere Ecke des Personenwagens.

Die Kollision reisst dem Portugiesen einen Unterschenkel ab. Er und seine Maschine fliegen durch die Luft und schlittern über die Strasse. Rund 70 Meter weiter bleibt er liegen.

Wegen der Wunde droht er zu verbluten – doch er hat Glück. Zwei Beamte der Stadtpolizei Baden sind in der Nähe auf Patrouille. Nach dem Notruf sind sie schnell beim Schwerverletzten. Mit einer Manschette binden sie ihm das Bein ab, um die Blutung zu stillen. Er überlebt.

Heute trägt er eine Prothese

Am Dienstag standen die beiden Rennfahrer vor dem Bezirksgericht Baden. Der Staatsanwalt forderte für den Audi-Fahrer eine Freiheitsstrafe von 6,5 Jahren. Für den Töfffahrer, der den Unterschenkel verlor, verlangte der Staatsanwalt zwei Jahre bedingt. Bei diesem Antrag wurde die schwere Verletzung berücksichtigt. Der junge Mann trägt heute eine Prothese.

Allerdings forderte der Staatsanwalt zusätzlich fünf Jahre Landesverweis – wegen des Hauptanklagepunktes. Dieser lautete auf mehrfach versuchte vorsätzliche Tötung, eine sogenannte Katalogtat, die bei Ausländern einen Landesverweis vorsieht.
Die zwei jungen Männer hätten mit dem Rennen die Gefahr in Kauf genommen, dass eine Person durch einen Folgeunfall schwer oder sogar tödlich verletzt werden könnte, argumentierte der Staatsanwalt. Nur durch Glück sei der Töfffahrer bei der Kollision nicht in die Windschutzscheibe des Mazdas geflogen. Die Folgen wären nicht auszudenken gewesen.

Das Motorrad nach dem Unfall.

Das Motorrad nach dem Unfall.

Reha dauerte sechs Monate

Die jungen Männer gestanden das Rennen ein. Sie leiden an den Unfallfolgen. Der heute 24-jährige Schweizer, ein Lastwagen-Chauffeur, verlor Führerausweis und Stelle. Nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit hat er vor kurzem wieder einen Job als Maschinist gefunden. Der heute 22-jährige Portugiese, der in der Schweiz aufgewachsen und zu Hause ist, lag nach dem Crash zweieinhalb Wochen im Spital, sechs Monate dauerte die Rehabilitation.

Es gehe ihm gut, sagte er vor Gericht. Er absolviert wegen seiner Behinderung mehrere Therapien und ist guten Mutes, eine Lehrstelle zu finden. Laut Gutachten fuhr der 22-Jährige mindestens 106 km/h, als es knallte. Wo legten die zwei Lenker des Ziel fest? Wie lange gaben sie Gas? Hätte der Töfffahrer vor der Kollision nach rechts ausweichen können? Die genauen Umstände zum Rennen und zum Unfall blieben vor Gericht unklar. Die Angeklagten erinnerten sich an vieles nicht – oder nur ungenau. Fragezeichen blieben wegen früherer Aussagen, auch von Zeugen, die das Rennen beobachtet hatten. Die Verteidigung der Angeklagten forderten deutlich tiefere Strafen.

Kein Landesverweis für den Portugiesen

Das Gericht unter Vorsitz von Gabriella Fehr verurteilte die Angeklagten wegen mehrfach qualifizierter Verletzung der Verkehrsregeln, den Schweizer zusätzlich wegen schwerer fahrlässiger Körperverletzung. Er wurde zu drei Jahren teilbedingt verurteilt. Sechs Monate davon muss er im Gefängnis absitzen, Halbgefangenschaft ist möglich. Der Portugiese wurde zu zwei Jahren bedingt verurteilt, ohne Landesverweis.

Unfall in Würenlingen nach Raserrennen (Bericht vom 13.08.2018)

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