Es ist mucksmäuschenstill in der Verenakirche Bad Zurzach. Auf dem Pult von Jürg Steigmeier flackert eine Kerze, daneben liegt das Manuskript mit seinen Geschichten und Sagen über die Totenwelt. Doch der Erzähler kennt sie alle auswendig. Er wandelt durchs Publikum, fixiert die Anwesenden mit seinen Blicken und erzählt vom kalten Windhauch, der um Mitternacht durch die Stube der alten Spinnerin weht. Die Haustür ihres Holzhüttchens lässt die Frau jede Nacht einen Spalt offen, damit die armen Seelen in ihre warme Stube hineinkommen und sich beim steinernen Ofen aufwärmen können.

Die Zuhörer fröstelt es. Ist es wegen Steigmeiers Worten oder wegen der kalten Temperaturen in der Kirche? Musiker Patrik Zeller singt ein Lied über das Sterben seines demenzkranken Grossvaters, der Atheist war. Er spielt auf seinem Loopsampler mehrere Akkordeonsequenzen und Geräusche übereinander ein und lässt sie durch das Kirchenschiff hallen. Während Zeller die Gegenwart verkörpert und eine moderne rationale Haltung einnimmt, steht Steigmeier für die Vergangenheit, in der Lebende noch eine wesentlich engere und ganz natürliche Beziehung zur Totenwelt hatten.

Kontakt mit den Verstorbenen

Er berichtet von Zigeunern, die nachts Milch für die Verstorbenen parat stellten, damit sie Kräfte für ihre lange Reise ins Jenseits tanken können; von den Gletschern im Wallis, wo die Dahingeschiedenen nach altem Volksglauben tief unten in den Spalten daheim sind; Und schildert, wie die Toten an Allerseelen (2. November) in die Kirche gehen und die Namen derjenigen Personen verlesen, die im folgenden Jahr sterben werden. Steigmeier springt mit Haut und Haar in seine Geschichten hinein und setzt bei seinen Zuhörern und Zuhörerinnen das Kopfkino in Gang. Und da ist etwas Tröstliches, wenn der 56-jährige Klingnauer berichtet, wie Verstorbene mit geliebten Menschen Kontakt aufnehmen. Die ineinander verflochtenen Wort- und Klangmalereien von Steigmeier und Zeller berühren und erzeugen Gänsehaut. Die Premiere von «Jenseitige Begegnungen» fand Ende 2017 in der Abdankungshalle des Friedhofs Sihlfeld statt. Nach dem Auftritt in Bad Zurzach sind weitere Vorstellungen in der Deutschschweiz geplant.

«Läck häsch’s du schön»

Jürg Steigmeier arbeitet seit 31 Jahren als Kindergärtner in Bad Zurzach und befindet sich damit in einer absoluten Frauendomäne. Einmal sagte ein Bub zu ihm: «Läck häsch’s du schön. Du chasch mit üs spile. Min Papi muess jede Tag go schaffe.» Weil er seinen Kids nicht immer die gleichen Weihnachtsgeschichten erzählen wollte, machte er sich auf die Suche nach weniger bekannten Sagen und Märchen. Heute hat er in seinem Atelier oberhalb des Restaurants «zur Waag» in Bad Zurzach eine Bibliothek mit über 1000 Werken. Sie ist auf Anmeldung öffentlich zugänglich. Als er vor 22 Jahren mit dem Geschichtenerzählen anfing, wurde er noch milde belächelt. Heute ist Storytelling zu einem beliebten Mittel für viele Firmen geworden, um ihre Botschaften in die Öffentlichkeit zu bringen. Steigmeier tourt mittlerweile durch den ganzen deutschsprachigen Raum. Er ist Mitbegründer des Märchen- und Geschichtenfestivals «Klapperlapapp», an dem die besten Märchenerzähler und Liedermacher der Schweiz auftreten.

Seit letztem Jahr tourt er mit fünf Blechbläsern des argovia philharmonic durch Schulhäuser und erzählt Solothurner Märchen. Mit dem Verein MundArt Bad Zurzach organisiert er viermal im Jahr eine Stubete im Restaurant Zur Waag. Im März ist Kräuterfrau Barbara Bentele aus dem Allgäu zu Gast. Naturglaube, Mystik und die grossen Rätsel des Lebens, die trotz aller technischen Fortschritte nicht gelöst werden können, faszinieren den Geschichtenerzähler. «Wie mers glaubt, so isch es niid. Und wies isch, so glaubt mers niid», heisst es in einer der Sagen, die Steigmeier über das Totenreich wiedergibt.