Benedikt Weibel, der ehemalige SBB-Chef, kann nicht sagen, das wievielte Mal er eine Taufe vornimmt. Aus der Übung ist er als Taufpate nicht: Als die Champagnerflasche nach mehreren Versuchen nicht am harten Stahl des Aufpralldämpfers zerschellen will, schüttelt er sie kurzerhand kräftig, lässt den Korken knallen und bespritzt den Wagen eben ohne Scherben. Fanfaren eines Bläsertrios des Aargauer Symphonie-Orchesters erklingen.

Weibel freut sich immer noch über das gute Image der Bahn in der Schweiz. Darum hätten ihn die europäischen Eisenbahn-Chefs nicht nur in seiner Zeit bei der SBB beneidet. Auch wenn er heute auf internationalem Parkett die Schweizer Bahnverhältnisse vorstelle, ernte er grosse Bewunderung. Er selbst bewundere Leute wie die Mitglieder des Vereins Draisinen-Sammlung Fricktal (DSF), die den Erhalt wichtiger Zeitzeugen, wie des getauften Triebwagens, ermöglichen würden.

Bekennender Fan der Bahn

Patin Patricia Schreiber-Rebmann bekommt die Flasche ebenfalls zu fassen und übergibt die letzten Tropfen der Wagenfront. Nach der Champagnerdusche schreitet sie mit Weibel zur Seite ihres Taufkinds und sie enthüllen gemeinsam das neu montierte Wappen von Koblenz. Damit heisst der 1959 erbaute Triebwagen BDe 38 wie das Dorf. Es gibt viel Applaus und Blitzlichtgewitter der Koblenzer, der vielen angereisten Bahnenthusiasten und der Kollegen des DSF.

Die Grossratspräsidentin – ein familiär vorbelasteter und bekennender Fan der Bahn – betont in ihrem Grusswort, dass sie eigentlich wie der Triebwagen ein Auslaufmodell sei. So dauere ihre Amtszeit als Grossratspräsidentin nur noch wenige Tage. Sie werde sich eventuell beim Verein DSF melden, damit dieser sie ebenfalls in Koblenz ausstelle, scherzt die Taufpatin.

Triebwagen und Draisinen im Kopf

Mit dem Champagner-Ritual und der Wappenenthüllung wird ein wichtiges Stück Schweizer Eisenbahngeschichte getauft. Denn der Triebwagen «Koblenz» ist ein typischer Vorreiter für viele seiner Art. Der Wagen ist Lokomotive und Passagierträger zugleich, auf die Schienenverhältnisse der Voralpen ausgelegt und war für damalige Verhältnisse in sehr flottem Tempo unterwegs. Gebaut wurde er von der ehemaligen Crème der Schweizer Schienenfahrzeugherstellern wie SIG, BBC und weiteren.

Jetzt hegen und pflegen ihn die Vereinsmitglieder der DSF. Eine Gruppe, die sich ganz dem Erhalt alter Schienenfahrzeuge verschrieben hat. Neben den Draisinen sind das auch die besonderen Triebwagen, die der Verein erwirbt, teilweise restauriert und fahrtüchtig erhält. Jeden Montag trifft man sich dazu in Koblenz im alten Lokdepot. Eine Lokalität, die man sich ebenfalls selbst erschaffen hat. Vor zehn Jahren noch war das Depot dem Abbruch geweiht. Seit 2006 haben die rund 50 Vereinsmitglieder aus dem heruntergekommenen Schuppen ein Bijou gemacht. Dort stellen sie nicht nur ihre Fahrzeuge aus, sondern führen auch Anlässe durch. Und das alles mit Bahnanschluss, liegt das Depot doch mitten im Gleisfeld des Koblenzer Bahnhofs.

Ein Glücksfall für Koblenz

Vor allem Heidi Wanner, Frau Gemeindeammann von Koblenz, freut sich riesig über die Entwicklung des Lokdepots. Sei es doch einer ihrer ersten Amtshandlungen gewesen, sich mit dem Abbruch des Gebäudes zu beschäftigen. Dass es mithilfe der Draisinen-Sammlung zu neuer Blüte gelangte, ist für sie ein absoluter Glücksfall. Es gelte, dies weiterhin zu unterstützen.