Am Tag nach den Osterfeiertagen 2011 stürzte sein Mitarbeiter zu Tode. Nicht zum ersten Mal ist seine Baufirma in einen tödlichen Unfall verwickelt. Nun sitzt Werner Mayer (Name geändert) vor den Richtern des Bezirksgerichts Zurzach. Graue Haare, grauer Schnauz, hellblaues Kurzarmhemd, dunkelblaue Jeans. Er ringt nach Worten. Beginnt einen Satz, bricht ab, probiert es erneut. Er versucht zu erklären, was kaum zu erklären ist. Warum musste der Hilfsarbeiter sterben?

An jenem Dienstag im April arbeitete der 25-jährige Mazedonier mit zwei Arbeitskollegen auf einer Baustelle im Bezirk Zurzach. Sie sollen das Dach einer Halle abreissen. Kein leichter Auftrag für die drei Mitarbeiter der Ostschweizer Firma, nicht nur wegen des Asbests. Die Dachplatten sind brüchig. Dennoch begibt sich der unerfahrene Hilfsarbeiter ungesichert auf das Dach. Er bricht ein, stürzt 8,25 Meter in die Tiefe, prallt mit dem Kopf auf die Hebeplattform eines Staplers. Noch am selben Tag erliegt er im Zürcher Unispital seinen schweren Kopfverletzungen und den inneren Blutungen.

Wäre das nicht zu verhindern gewesen?, fragt Gerichtspräsident Cyrill Kramer. Er wolle nicht spekulieren, antwortet der Angeklagte zögerlich, kaum hörbar. «Bitte?», hakt Kramer nach, wie er das während der Befragung noch einige Male tun wird. Pause. Mayer beginnt, bricht ab. Dann: «Ich wollte sicher keinen Unfall. Sonst hätte ich ja auch kein Netz spannen lassen.»

Ein Sicherheitsnetz war montiert, der Abstand zur Wand allerdings war deutlich grösser als vorgeschrieben. Den Sturz des jungen Mannes vermochte es deshalb nicht zu bremsen. Wer trägt die Schuld am tödlichen Unfall? Für die Staatsanwaltschaft ist die Antwort klar: Sie fordert, Vorarbeiter und Chef wegen fahrlässiger, Letzteren allenfalls gar wegen eventualvorsätzlicher Tötung zu verurteilen. Weil der Staatsanwalt dem Bauunternehmer eine ungünstige Prognose stellt, beantragt er eine unbedingte Freiheitsstrafe von drei Jahren bei fahrlässiger, von sechseinhalb Jahren bei vorsätzlicher Tötung. Die Anklageschrift enthält eine ganze Liste von Sicherheitsmängeln, festgestellt bei verschiedenen Kontrollen im Laufe der Jahre: keine Absturzsicherungen, keine Schutzhelme, keine betriebliche Sicherheitsorganisation, keine oder nicht fachgerecht montierte Auffangnetze.

Immer wieder machte die Suva den Unternehmer auf die Fehler aufmerksam. Weil Angestellte von Mayers Firma die Dachöffnung nicht richtig gesichert hatten, stürzte 2009 der Mitarbeiter eines anderen Unternehmens in den Tod. Geändert hat der tödliche Unfall aber offenbar kaum etwas. Die Kontrolleure der Suva stellen auch danach erhebliche Sicherheitsmängel auf Baustellen fest.

Im April 2011 verunfallt der mazedonische Hilfsarbeiter tödlich – und wieder geschieht nichts. Die Suva-Kontrolleure melden weiterhin in regelmässigen Abständen, dass Mayers Bauarbeiter bei gefährlichen Arbeiten ungenügend gesichert sind. Der ebenfalls angeklagte Vorarbeiter sagt während des Prozesses von dieser Woche: Er sei nie darin ausgebildet worden, die Sicherheitsnetze richtig zu montieren. «Ich bin kein Profi.» Sein Chef, der angeklagte Bauunternehmer, hingegen sagt: «Er ist ein Profi am Netz. Jeder in der Firma weiss das.» Sein Vorarbeiter wisse ganz genau, wie ein solches Sicherheitsnetz richtig gespannt werden müsse. Es ist nicht das einzige Mal, dass sich Chef und Vorabeiter während des Prozesses widersprechen.

Frage des Gerichtspräsidenten an den Vorarbeiter: «Wissen Sie heute, wie die Sicherheitsnetze vorschriftsgemäss montiert werden müssen?» «Nein», antwortet dieser, ohne zu zögern. Ob er seit dem Unfall wieder Sicherheitsnetze gespannt habe. «Nein, wenn ich mich richtig erinnere, nicht.» Und wieder widerspricht sein Chef: «Keine stimmt nicht, aber weniger als vor dem Unfall.» Ob Mayer denn nun die Netze jeweils persönlich prüfe? «Nicht immer, aber die Arbeiter sind jetzt sensibilisiert.» Wie zum Beweis legt sein Verteidiger Bestätigungen von Kursen vor, die seine Mitarbeiter 2013 besucht haben. Auf Anfang nächstes Jahr stelle er zudem einen Sicherheitsverantwortlichen ein, verkündet der Angeklagte. Den Prozess nutzt er, um sein Beileid an die Familie des Opfers auszusprechen – etwas, das er in den über drei Jahren seit dem Unfall nicht getan hat. «Es tut mir sehr leid», sagt er zum Schluss. Gerichtet sind die Worte an die Witwe, die den Prozess mitverfolgt. Die Familie des Opfers lebt in Mazedonien. Dort, wo das junge Paar ihre kirchliche Hochzeit geplant hatte. Die Feier hätte wenige Monate nach dem Unfall stattfinden sollen.

Das Bezirksgericht verurteilt den Bauunternehmer wegen fahrlässiger Tötung und mehrfacher fahrlässiger Verletzung der Regeln der Baukunde zu drei Jahren Freiheitsstrafe. Davon muss er ein halbes Jahr ins Gefängnis. Der Vorarbeiter hingegen wird freigesprochen.