Vor zehn Tagen waren die Zeiger der Kirchturmuhr von St. Agatha stehen geblieben. Zwölfmal hatte die Glocke noch geschlagen, und dann war Schluss. Sie war um Viertel nach stumm geblieben, um halb, um Viertel vor. Und seither heisst um 5.30 Uhr auch kein Morgengeläut mehr den neuen Tag willkommen.

Bereits seit vier Jahren ruft in Baldingen, dem kleinen Dorf «uf dr Höchi», keine Glocke mehr die Buben und Maitli zum Unterricht. Und jetzt also klingt’s auch nicht mehr vom 116 Jahre alten Kirchturm herunter – zumindest vorübergehend.

500 Jahre nach der ersten Glocke

Zum ersten Mal seit der Kirchweih am 24. Oktober 1898 wird der Glockenstuhl der Baldinger Kirche einer Totalsanierung unterzogen. Ausgeführt wird sie von der Firma Rüetschi AG in Aarau, dem einzigen Unternehmen in der Schweiz, das die gesamte Kirchturmtechnik von der Planung, Konstruktion und Glockenguss bis zum Unterhalt, zur Restaurierung und zur Sanierung anbietet.

Glocken gegossen werden in Aarau seit über 600 Jahren: «Fusa sum arow» – «zu Aarau gegossen» steht auf der Barbara-Glocke in der Freiburger Kathedrale, gegossen 1367 vom Aarauer Meister Walter Reber. 500 Jahre später war bei Rüetschi in Aarau das Geläut für St. Agatha gegossen worden – vier Bronzeglocken in fis, a, h, und d – sowie der dazugehörende eiserne Glockenstuhl konstruiert.

Jetzt ist dieser Glockenstuhl zurück in Aarau und wird «wie neu» gegen Ende Mai wieder zurückkehren an seinen angestammten Platz.

Fein austarierte Töne

Über eine Woche lang hatten Glockenmonteur Tom Zingrich und sein Kollege Thomas Frei im Staub vieler Jahrzehnte in luftiger Kirchturmhöhe den Glockenstock zerlegt und für die Reise nach Aarau vorbereitet. Auch Glockenklöppel und -Joche, die für die «Zeitansage» zuständigen Schlaghämmer sowie die Motoren haben die beiden Techniker demontiert und nach Aarau verfrachtet.

«Am 7. März waren Tonbandaufnahmen von einem Probeläuten gemacht worden, damit der Klang des Geläuts vor und nach der Sanierung verglichen werden kann. Denn mit neustem Hightech wird im Zuge der Sanierung der Anschlag des Klöppels an die Glockenwand fein austariert», sagt der Berner Oberländer Zingrich.

Die vier automatisch betriebenen Glocken wurden mit Kettenzügen vom Glockenstuhl auf ein provisorisches Gerüst gehievt. «Nur die kleinste, zirka 80 Kilo schwere Glocke, haben wir nach Aarau mitgenommen. Sie wird als Einzige noch von Hand geläutet, wurde aber lange nicht mehr benutzt. Dennoch wird sie jetzt rundherum saniert.»

1100 Schrauben, 3 Tonnen Stahl

Genauso wie – erstmals seit Erbauung der Kirche – der Glockenstuhl. Er wurde zwar regelmässig einem Service unterzogen und das x-fach verstrebte Stahlgerüst immer wieder frisch bemalt. «Doch im Verlauf der Jahrzehnte greift der Rost von innen heraus an und dagegen kann vor Ort nichts unternommen werden.

Mein Kollege und ich haben hier oben 1100 Schrauben gelöst», berichtet Tom Zingrich fröhlich, während er sich unter den provisorisch aufgehängten Glocken, zwischen demontierten Stahlträgern und Holzbalken auf engstem Raum mit grösster Selbstverständlichkeit bewegt.

Nachdem die Demontagearbeiten beendet waren, wurden die rund drei Tonnen Stahl von einem Kran vom Turm auf einen Lastwagen geladen. In Aarau werden sie nun spritzverzinkt und anthrazit patiniert. Nachdem alle Stahlträger am Boden waren, hievte der Kran ein paar Säcke Zement und einen Kanister Wasser auf den Turm.

Tags darauf stieg der Baldinger Gemeinderat René Bühler die steilen, schmalen Holztreppen hinauf, allerdings nicht in politischer Mission, sondern als Berufsmann: Als Maurer brachte er Boden und Wände vom Dachstock auf Vordermann, wo in ein paar Wochen Glockenstock und Glocken wieder montiert werden. Auf dass im kleinen Dorf «uf dr Höchi» wieder alles seine Ordnung hat – auch die Zeit!