Vor 200 Jahren

Typhus: 1814 war das Jahr des grossen Soldatensterbens in Klingnau

Ein schlichtes Kreuz erinnert an die 3000 österreichischen Soldaten, die 1814 in Klingnau die letzte Ruhe fanden. ZA

Ein schlichtes Kreuz erinnert an die 3000 österreichischen Soldaten, die 1814 in Klingnau die letzte Ruhe fanden. ZA

Im Januar 1814 errichtete die österreichische Armee im Aargau ein Feldspital. Dort wurden Tausende Typhuskranke behandelt. 3000 von ihnen ruhen seither in Klingnau in einem Massengrab, wo auch ein altes Kreuz an sie gedenkt.

Nach ihrem Sieg in der Völkerschlacht von Leipzig über Napoleon im Oktober 1813 zogen riesige alliierte Heere nach Westen, um Napoleon endgültig niederzuringen und die französische Vorherrschaft in Europa zu beenden. Dabei überschritten ab 21. Dezember 1813 vorab österreichische Truppen den Rhein und zogen durch die Schweiz westwärts (vgl. Box). Noch in der Nacht davor erliess die aargauische Kantonsregierung eine Proklamation an die Bevölkerung. Sie schrieb: «Wir fordern Euch wohlmeinenst und dringendst auf, Ruhe und Ordnung heiligst zu erhalten und diese Truppen freundlich und gefällig aufzunehmen; auch für ihren Unterhalt nach besten Kräften zu sorgen ...»

Am 28. Dezember 1813 unterrichtete der Bezirksamtmann die Ammänner des Bezirks Zurzach über Pläne, möglichst an einem Fluss «ein Absonderungshaus» für typhuskranke Soldaten einzurichten. An Silvester inspizierte der kaiserlich-königliche Oberarzt Sluka die Gebäulichkeiten des ehemaligen Klosters Sion und der Propstei in Klingnau auf Tauglichkeit.

Zehn Tage später erhielt Klingnau vom Kanton den Bescheid, man habe den Österreichern anstelle von Königsfelden die Propstei und Sion in Klingnau als Standort für ein Militärspital angeboten. In Aarau hoffte man, wie Otto Mittler in der «Geschichte der Stadt Klingnau» schreibt, «einer Verschleppung der Seuche ins Innere des Kantons damit vorbeugen zu können». Und schon rückte österreichisches Sanitätspersonal an.

In Klingnau fürchtete man natürlich den hochansteckenden Typhus, an dem damals noch jeder vierte bis gar jeder dritte Patient starb. Die Gemeinde bat darum, die Propstei nicht einzusetzen, um Ansteckungen in der Bevölkerung zu vermeiden. Sion empfahl sie nur für Verwundete und «unverdächtig» Kranke, Typhuskranke seien im alleinstehenden Schloss Bernau bei Leibstadt unterzubringen. Das Flehen nützte nichts, die ersten Kranken trafen schon ein. Es kamen immer mehr, sodass die ausersehenen Gebäulichkeiten nicht mehr ausreichten.

Ab 24. Januar wurden erste Kranke auch in Leuggern untergebracht. Am 29. Januar beherbergte das 1000 Einwohner zählende Städtchen laut dem Buch «Clingenowe – Klingnau» von Louis Dreyer bereits 1500 Patienten, Mitte Februar gar 2500. Den Klingnauern hatte man anfänglich in Aussicht gestellt, es würden etwa 800 Patienten kommen. Es kam ganz anders und viel, viel schlimmer. In Sion lagen die Kranken laut Otto Mittler «auf Stroh eng aneinander gepfercht sogar in den Gängen».

Die Bevölkerung litt grosse Angst vor Ansteckung. Laut Dreyer nagelten die Bewohner der Schattengasse und der Unterstadt Türen und Fenster Richtung Propstei mit Brettern zu, um zu verhindern, «dass sich die Ausdünstung an die hiesigen Bewohner mitteilt». Als primitive Desinfektionsmittel wurden Wacholder verbrannt und Vitriolöl eingesetzt. Um Kontakte zwischen Kranken und der Bevölkerung zu verhindern, rückte Anfang Februar gar eidgenössisches Militär an (das die geplagten Klingnauer nun natürlich auch noch unterbringen mussten). Doch die Soldaten, so ist in «Clingenowe – Klingnau» nachzulesen, wurden selbst angesteckt und mussten schon Mitte Februar durch ein neues Detachement ersetzt werden.

Trotz aller Vorsichtsmassnahmen griff der Typhus auf die Bevölkerung über. 28 Klingnauer erlagen ihr, als Erste die beiden Totengräber und Pfarrer Franz Xaver Schaufelbühl, der sich anstelle der anfänglich fehlenden Feldgeistlichen rührend um sterbende Soldaten gekümmert hatte. Nicht nur im Zurzibiet, auch im Bezirk Rheinfelden ging die Seuche um. Wie Nold Halder in der «Geschichte des Kantons Aargau» schreibt, erkrankte dort jeder Achte, in einigen Dörfern wurden ganze Familien dahingerafft.

Um die Menschen nicht noch mehr zu beunruhigen, durfte in Klingnau das Totenglöcklein nur noch kurz oder überhaupt nicht läuten. Die 30 bis 50 österreichischen Soldaten, die täglich starben, wurden aus demselben Grund erst in der Nacht ins Massengrab verbracht, ihre Habseligkeiten verbrannt. Erst im April nahm die Zahl der Patienten ab. Ende Juni war das grosse Sterben vorbei, das österreichische Sanitätspersonal rückte ab. Die Bilanz war verheerend: 3000 österreichische Soldaten waren in Klingnau gestorben. Über ihrem unterhalb von Klingnau gelegenen Massengrab pflanzte man Bäume, auf dass dort nie Tiere weiden.

1815 errichtete Klingnau auf dem «Kaiserlichen Gottesacker» ein schlichtes Kreuz mit der Inschrift: «Seht die Ruhestätte von 3000 k. k. österreichischen Soldaten, die in dem Spital zu Klingnau vom 10. Jan. bis 26. Juni 1814 verblichen sind.»

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