Lengnau

Trotz Trockenheit: Pilzsammler werden doch noch fündig

© Alex Spichale

Düster sind die Prognosen zu Beginn der Pilzsaison gewesen: Es sei viel zu trocken,die Saison sei nicht zu retten. Gross fällt die Ausbeute dieses Jahr tatsächlich nicht aus. Doch Pilzliebhaber Alvaro Tatti zeigt,dass sich in der Region dennoch genügend Maronen für ein Pilzragout finden lassen.

Die Wolken hängen tief an diesem Herbstnachmittag Ende Oktober, der Geruch von Regen liegt in der Luft. «Perfektes Wetter», finden Alvaro Tatti und seine Frau Daniela, als sie aus der Windschutzscheibe nach oben Blicken. Die Stimmung im Auto ist gut. Die beiden denken wohl bereits an ein Pilzragout zum Abendessen, denn sie sind auf dem Weg in ihr Pilzrevier in Lengnau. Wo genau ihr kleines Paradies liegt, bleibt ein Geheimnis. «Auf die Frage, wo ich die Pilze gefunden habe, antworte ich immer: im Wald», sagt Alvaro Tatti.

Ein Blick ins Pilzkörbchen. K.Renold

Ein Blick ins Pilzkörbchen. K.Renold

Der 63-Jährige ist Französisch-, Englisch- und Deutschlehrer an der Bezirksschule Baden und wohnt in Wettingen. Zweimal wöchentlich sammelt er zusammen mit seiner Frau Pilze im Wald. Der trockene Sommer sorgt dieses Jahr aber für ein kleineres Angebot als sonst. Vor allem die Steinpilze seien heuer schwierig zu finden, sagt Tatti. «Das ist natürlich schade, aber so schlimm wie letztes Jahr ist die Situation nicht. Zudem möchten wir beim Pilzlen vor allem unsere Zweisamkeit geniessen.»

Die kurze Fahrt endet auf einem Parkplatz bei einer Waldlichtung oberhalb von Lengnau. Drei Fahrzeuge stehen bereits daneben. Ist das die Konkurrenz? «Wir treffen beim Pilzlen mitten im Wald selten andere Leute an. Und falls doch, dann sagt man sich ‹grüezi›, aber der Korb wird nicht gerne gezeigt», so Tatti.

Prächtige Farbpalette im Wald

Seit gut zehn Jahren pflegen die Tattis regelmässig dieses Hobby. Die richtige Ausrüstung sei dabei wichtig, so Tatti. Festes Schuhwerk, lange Ärmel, lange Hosen und lange Socken als Schutz vor Zecken sind Pflicht— auch im Sommer. Tatti schliesst prophylaktisch seine Jacke, schnappt sich den Holzkorb und spaziert langsam einen Waldweg entlang. Inmitten von Moos und Ästen geht die Suche dann richtig los. Sobald sich die Augen an die verschiedenen Grün- und Brauntöne gewöhnt haben, kommen erstaunlich viele Pilze zum Vorschein. «Die Farbpalette reicht von weiss, braun und schwarz bis zu rot und violett», sagt Tatti.

Alvaro Tatti über den Inhalt seines Pilzkorbes und über den kleine Unterschied zwischen dem Maronen-Röhrling und dem Steinpilz.

Alvaro Tatti über den Inhalt seines Pilzkorbes und über den kleine Unterschied zwischen dem Maronen-Röhrling und dem Steinpilz.

Seit etwa zwei Jahren beschäftigt er sich intensiv mit Pilzen. Dafür besucht Tatti jeden Montag den Pilzbestimmungsabend des Pilzvereins Baden. «Ich kann nun vielleicht 25 Sorten genau bestimmen, aber in der Schweiz gibt es über 8000 Arten.» Einer davon ist der nächste Fund: ein Flockenstieliger Hexen-Röhrling, ein etwa drei Zentimeter grosses Exemplar. «Wenn man den gelben Stiel durchschneidet, verfärbt er sich violett», gibt der Pilzliebhaber sein Wissen zum Besten. Der Hexen-Röhrling wandert ins Körbchen, wo sich bereits ein Safranschirmling und ein Flaschenstäubling befinden.

Alvaro Tatti ist ein bewusster Pilzsammler: Was er nicht kennt, lässt er stehen. «Oder ich nehme ein einziges Exemplar mit, weil ich ihn bestimmen möchte.» Leider gebe es viele Leute, die keine Rücksicht auf die Natur nehmen und beliebig Pilze ausreissen würden, so Tatti. «Sie nehmen eine ganze Gruppe des selben Pilzes mit, und bei der Kontrolle wird alles weggeworfen.»

Pilzsuchen ist wie «Wo ist Walter»

Mittlerweile hat leichter Nieselregen eingesetzt. Alvaro Tatti ist ins nächste Waldstück vorgerückt und findet, versteckt zwischen morschen Ästen, eine Marone. «Pilzsammeln erinnert mich deswegen an das Suchspiel ‹Wo ist Walter›», sagt Daniela Tatti. Ihr Mann befreit die Marone aus dem Unterholz, putzt den Dreck mit einem Pinsel weg, tastet den Stiel ab und riecht daran, um zu entscheiden, ob der Pilz noch frisch ist. So füllt sich der Korb langsam und Tatti zieht nach einer Stunde Zwischenbilanz: «Heute finden sich vor allem Maronen, leider noch keine Steinpilze.»

Der perfekte Fliegenpilz. A.Spichale

Der perfekte Fliegenpilz. A.Spichale

Mit leeren Händen gehen die Tattis nie heim: «Finden wir keinen Pilz, nehme ich Holunder oder Brombeeren mit nach Hause, manchmal auch Tannenzapfen als Dekoration», sagt Daniela Tatti. Dann kauert sie sich ins Moos und zeigt auf den roten Hut eines perfekt gepunkteten Fliegenpilzes. «Ein wunderschöner Anblick», sagen beide gleichzeitig. Nach zweienhalb-stündiger Suche ist Tatti mit dem Resultat zufrieden: Neben den bunt gemischten Pilzen liegen endlich auch zwei Stück des heiss begehrten Steinpilzes im Korb. Nicht nur das Suchen, auch die Zubereitung der Pilze brauche viel Zeit, so Tatti. Gereinigt werden sie nur mit dem Pinsel oder einem Tuch, nicht mit Wasser. Doch bevor es soweit ist, steht die Pilzkontrolle an. Denn bei den Tattis kommt kein Pilz auf den Teller, der nicht von einem Experten freigegeben wurde.

Vielleicht wird auch aus Tatti einmal ein Pilzkontrolleur: «Damit ich die Prüfung absolvieren kann, muss ich mir noch viel Wissen aneignen.» Zeit zum Lernen hat Alvaro Tatti bald genug: Im Februar wird er pensioniert und will sich vermehrt der Pilzwelt widmen.

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