Die Regale, in denen sich die Autobiografie von Robbie Williams genauso wiederfindet wie Bibeln mit Goldschnitt, lichten sich immer mehr, denn zum 1. Juli schließt die St. Marienbuchhandlung in Waldshut. „Meine Frau und ich werden im Mai und Juni beide 70, und da haben wir uns entschlossen aufzuhören“, erklärt Inhaber Peter Fleck den Grund für die Geschäftsaufgabe.

Einen Nachfolger in der Familie gibt es nicht. Die drei Kinder des Buchhändlerpaares haben in anderen Berufen Fuß gefasst. „Wenn‘s nach mir ginge, würden wir nicht schließen“, sagt der 94-jährige Fritz Fleck, Vater von Peter Fleck, der über der Buchhandlung wohnt und nahezu jeden Morgen die Auslagen vor das Schaufenster rollt.

Zum letzten Mal wird er das Ende Juni tun, bevor die Buchhandlung endgültig schließt. Bis dahin können Kunden noch Bücher, Bilder sowie Kreuze, Kruzifixe, Heiligenfiguren und Krippen kaufen. „Wir haben treue Stammkunden, die seit 20 oder 25 Jahren aus dem ganzen Kreis wegen unseres christlichen Sortiments kommen“, erzählt Ulrike Fleck. „Denen tut es sehr leid, dass wir schließen. Mir auch“, fügt die Buchhändlerin hinzu.

Filialen in New York und Waldshut

Den Handel mit sogenannten Devotionalien – Gegenstände für die christliche Andacht – haben die Flecks vom Benziger-Verlag übernommen, der im Jahr 1887 in Waldshut seinen ersten deutschen Buchladen eröffnete. Zuvor hatte er Niederlassungen im US-amerikanischen Cincinnati (1837) und New York (1850) gegründet. Vor 132 Jahren eröffneten die Benzigers, die aus Einsiedeln in der Schweiz stammten, ihre Waldshuter Buchhandlung an der Seltenbachbrücke, wo sich heute das Möbelgeschäft Seipp befindet.

Später zog das Geschäft ans Obere Tor, an die Stelle des heutigen Reformhauses, bevor es seine endgültige Heimat zwei Häuser weiter in der Marienstraße 4 fand. „Im Volksmund nannte man die Straße Pfaffengässle, da hier viele Kaplaneien in unmittelbarer Nähe zur Kirche untergebracht waren“, erzählt Peter Fleck.

31 Jahre lang haben Peter und Ulrike Fleck die St. Marienbuchhandlung in Waldshut geführt. Zum 1. Juli gibt das Buchhändlerpaar das Geschäft auf

31 Jahre lang haben Peter und Ulrike Fleck die St. Marienbuchhandlung in Waldshut geführt. Zum 1. Juli gibt das Buchhändlerpaar das Geschäft auf

Der gelernte Buchhändler, der seine Ausbildung beim Herder-Verlag in Freiburg absolvierte, trat 1972 in den Betrieb seiner Eltern Fritz und Josepha ein und führt ihn seit 1988 zusammen mit seiner Frau Ulrike, die ihre Ausbildung an der Fachschule für Buchhandel in Leipzig erhielt. Bevor sie nach Waldshut kam, arbeitete sie in der größten Buchhandlung der damaligen DDR am Berliner Alexanderplatz. „Sie werden keine Buchhändlerin finden, die so viele
Bücher gelesen hat wie meine Frau“, sagt Peter Fleck stolz. „Nur was man kennt, kann man den Kunden guten Gewissens empfehlen“, fügt Ulrike Fleck hinzu, die, wie sie sagt, zwei bis drei Bücher pro Woche lese.

Auf die Frage, was denn der Bestseller in der St. Marienbuchhandlung gewesen sei, also welches Buch sich am meisten verkauft habe, muss Peter Fleck nicht lange überlegen: „Die Bibel, gefolgt vom Gotteslob.“ Bestimmt Tausende von Bibeln habe er in den vergangenen Jahrzehnten verkauft, schätzt der 69-Jährige. Ein „Riesenrenner“, so Peter Fleck, sei auch der erste Band der Trilogie „Der Archipel Gulag“ des russischen Literaturnobelpreisträgers Alexander Solschenizyn gewesen. „Aber auch Kinderbuchklassiker wie Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga, die HarryPotter-Reihe oder die Karl-May-Romane wurden viel gekauft“, zählt Ulrike Fleck auf.

Georg Gänswein kam als Schüler Zu den prominenten Kunden, die in dem kleinen Buchladen, der anfangs aus einem Raum bestand und später zunächst auf eine Etage und dann auf zwei Stockwerke ausgebaut wurde, zählten der inzwischen verstorbene österreichische Schauspieler Dietmar Schönherr, der bis 2005 im Aargauer Kaiserstuhl bei Hohentengen lebte, sowie der heutige Erzbischof und Papstsekretär Georg Gänswein, der bereits als Schüler des Waldshuter Wirtschaftymnasiums regelmäßig den Laden besuchte.

Bis zum Jahr 2000 sei der Buchhandel ein Wachstumsgeschäft gewesen, erzählt Peter Fleck. Seitdem gehe es aufgrund zusätzlicher Mitbewerber und des Internethandels mit den Umsatzzahlen bergab. „Vom Ertrag des Geschäfts allein könnten wir nicht mehr leben“, sagt er. Seit fünf Jahren sind seine Frau und er Rentner. Seitdem öffnen sie die St. Marienbuchhandlung nur noch halbtags. Wenn das Geschäft zum 1. Juli ganz schließt, wird es vorerst leer stehen bleiben. „Solange mein Vater lebt, kommt nichts Neues in den Laden“, sagt Peter Fleck. Die Wohnung des 94-jährigen Fritz Fleck ist nur über den Verkaufsraum zugänglich.

Interessenten für die Geschäftsräume gebe es viele, berichtet das Buchhändlerpaar. Als bekannt wurde, dass die Flecks ihr Geschäft aufgeben werden, standen sofort die Betreiber von Nagelstudios auf der Matte. „Wir vermieten definitiv nicht an Nagelstudios„, erteilt Ulrike Fleck solchen Anfragen entschieden eine Absage.