Siglisdorf

Therapie: Wenn Straftäter ihr Herz für Tiere öffnen

Theres Germann-Tillmann mit «Xanja» und «Rana».

Theres Germann-Tillmann mit «Xanja» und «Rana».

Theres Germann-Tillmann aus Siglisdorf ist Co-Autorin des europaweit ersten Fachbuches für tiergestützte Therapie im Freiheitsentzug.

Die Sennenhunde Xanja und Rana beschnuppern die Besucherin neugierig und wedeln kurz mit dem Schwanz, bevor sie in den riesigen Garten des alten Bauernhauses traben, in dem Theres Germann- Tillmann mit ihrem Mann Philipp seit 2000 wohnt. Dem Auge offenbaren sich idyllische Blicke auf das umliegende Studenland.

Die 63-jährige gebürtige Badenerin wohnt gerne abgelegen, und das nicht nur wegen ihrer Hunde. Die hochsensible und hochbegabte Persönlichkeit meidet grosse Gruppen und reagiert stark auf zu viele Fremdreize. Schon mehrmals machte Germann in ihrem nicht einfachen Leben Kehrtwende. Sie war Pflegefachfrau auf einer Notfallstation und in einem Bergspital, Betreuerin eines Flüchtlingszentrums, baute als dipl. Berufsschullehrerin WPI eine Pflegeschule auf und liess sich zur SRK-Schulleiterin weiterbilden.

Alles, was die Frau mit dem wilden dunklen Haarschopf anpackt, macht sie mit grenzenloser Hingabe, ist immer voller kreativer Ideen und mit ihren hohen Ansprüchen, überfordert sie andere oft. «Die Schulmedizin war mir bald zu einseitig», erzählt sie.

Berner Sennenhunde, zu denen sie einen ganz besonderen Draht hat, besitzt die Einzelkämpferin schon seit ihrem 32. Lebensjahr. Die dritte Hündin, mit der sie 2003 eine Ausbildung zum Therapie- und Schulbegleithund machte, war Amelia.

Das unzertrennliche Mensch-Hunde-Gespann besuchte jahrelang Heime für körperlich und geistig Schwerstbehinderte, aber auch Schulklassen und Kindertagesstätten. 2009 ging Germann noch einen Schritt weiter und absolvierte den schweizweit ersten Bildungsgang zur tiergestützten Fachfrau Therapie.

Das Praktikum für ihre Diplomarbeit machte sie im Zentralgefängnis Lenzburg. «Ich erlebe dabei oft, dass Straftäterinnen und Straftäter ihr Herz für Tiere öffnen. Und durch sie wieder die Brücke zu Menschen schlagen können», meint Germann.

Ein wichtiger Grund sei, dass Tiere auch Menschen im Freiheitsentzug vorbehaltlos Akzeptanz, Zuwendung und Zuversicht entgegenbringen. Zusammen mit der psychiatrischen Gutachterin Bernadette Roos Steiger sorgt sie für eine Premiere und gibt das erste Buch heraus, das sich dem Thema «Tiergestützte Therapie im Freiheitsentzug» widmet.

«Wichtig ist, dass ich die Biografie des Täters kenne»

Was passiert denn nun, wenn Germann mit einem ihrem Vierbeiner ins Gefängnis geht und Straffällige besucht? «Wichtig ist, dass ich die Biografie und das Störungsbild eines Menschen kenne. Dann stelle ich einen Therapieplan auf», erklärt Germann. Begrüssungs- und Abschlussrituale seien von grosser Bedeutung.

«Oft lass ich den oder die Besuchte die Umgebung für den Hund einrichten; mit Decke, Wassernapf etc. So entsteht eine Situation des gegenseitigen Respekts und der Achtsamkeit.» Signale gibt Germann nur ganz wenige. Und die ganz bewusst in Griechisch, Französisch oder Italienisch. «Diese Befehle müssen auch die Gefängnisinsassen, die wir besuchen, lernen.»

Weiter gibt es Bewegungs- und Gleichgewichtsübungen mit Futterspuren legen oder an der lockeren Leine führen. Und natürlich ist auch eine ausgiebige Streichelsequenz eingebaut. «Dabei beobachte ich bei Xanja diskret aber genau, ob sie Stresszeichen zeigt», bekundet Germann.

Jeder der Besuchten führt über die Begegnung mit dem Therapiehund und seine Gefühle dazu ein Tagebuch. Dass Therapiebegleittiere auf die Verbesserung der sozialen, kognitiven und emotionalen Fähigkeiten von Menschen im Gefängnis eine äusserst positive Wirkung haben, wird zunehmend anerkannt. Verbrieft war es bisher allerdings nirgends. Mit ihrem fundierten Werk, das viele Fallbeispiele enthält, schliessen die beiden Autorinnen die Lücke, die bisher in diesem Fachbereich klaffte.

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