Fast hätte es geknallt: Regisseur Marcel Schlegel kann den Tisch in letzter Sekunde festhalten, bevor er zu Boden kracht. «Das war knapp», sagt er und lacht. Und weiter gehts: «Bühne frei», ruft Schlegel.

Sofort rennen die Schauspieler auf ihre Positionen: «All die vielen komplizierten englischen Namen kann ja niemand aussprechen», regt sich eine Schauspielerin auf. «Und überhaupt: Der ganze erste Akt ist viel zu langweilig», meint ein anderer. «Moment mal», ruft Schlegel dazwischen, «kannst du das noch etwas zickiger sagen?»

Wir sind mitten in den Proben zum Stück «Mord on Backstage», das der Verein Theater Lengnau seit vier Monaten probt. Es handelt von einer Theatergruppe, die ein Drama aufführen soll.

Die Darsteller kämpfen mit den geschwollenen Dialogen und den kaum aussprechbaren Namen der Figuren, die ihnen Regisseur Heini Feinstaub aufbürdet. Sie regen sich über seine Änderungen oder über ihre Kollegen auf, die sich zur Probe verspäten und Texte vergessen.

Kurz vor der Premiere bricht auch noch Regisseur Feinstaub tot zusammen. «Das sind Probleme, mit denen auch wir als Theatergruppe zu kämpfen haben – abgesehen vom toten Regisseur», sagt Schlegel und lacht. «Es ist, als halte uns das Stück einen Spiegel vors Gesicht.»

Krimi-Atmosphäre

Normalerweise schreibt Schlegel die aufgeführten Stücke selbst. In diesem Jahr entschied er sich, «Mord on Backstage» von einem Theater-Verlag zu kaufen. Dies hinderte den Regisseur aber nicht daran, eigene Ideen einfliessen zu lassen: So markiert seine zwölfjährige Nichte Jasmin mit ihrem Klavierspiel die Übergänge zwischen den einzelnen Szenen.

«Sie ist wie der rote Faden im Stück.» Um dies zu illustrieren, wird sie an den Aufführungen ein rotes Kleid tragen – ganz im Gegensatz zur schwarz-weissen Bühne sowie zu den schwarz-weissen Requisiten und Kostümen der Schauspieler. Mit den Grautönen wolle er Krimiatmosphäre schaffen – ähnlich zu den Filmen von Alfred Hitchcock oder Edgar Wallace

«Moment mal», unterbricht Schlegel die Proben: «Es ist sehr wichtig, dass Deine Message auch wirklich beim Publikum ankommt – komm noch näher an den Rand der Bühne, wenn Du Deinen Text sagst.» Mit Argusaugen verfolgt der Regisseur die Proben, macht sich Notizen oder flüstert Marc Freiermuth etwas zu, der für Technik und Licht verantwortlich ist.

Nächste Szene: Schauspielerin Cindy Löwenzahn erscheint zur Probe, sie soll ein Dienstmädchen spielen. Die anderen wundern sich über diese Änderung, studieren sie doch das Stück bereits seit einem Monat ein – ohne Dienstmädchen. Gespielt wird Cindy von der 16-jährigen Angela Pletcher, die Jüngste unter den Schauspielern.

«Um diese Rolle zu besetzen, führten wir ein Casting an der Sekundarschule in Lengnau durch», erklärt Schlegel. «Das war etwas völlig Neues für uns.» Vier junge Frauen meldeten sich. «Es war ein schwieriger Entscheid – denn ich wusste, dass ich drei Kandidatinnen wieder werde absagen müssen.»

Vergessene die Schauspieler an der Premiere ihre Dialoge, sei das nicht schlimm: «Es kam auch schon vor, dass Wände auf der Bühne umkippten – aber alle spielten locker weiter», sagt Schlegel mit einem Lächeln. «Schlimm wäre, wenn es den Besuchern nicht gefallen würde.»

«Mord on Backstage»: Sa, 8.2., 20 Uhr; So, 9.2., 11.45 Uhr; Fr, 14.2., 20 Uhr; Sa, 15.2., 20 Uhr, Mehrzweckhalle Rietwise, Lengnau.