Der Bombenanschlag auf den Flug SR 330, der ein Swissair-Flugzeug bei Würenlingen abstürzen liess, war Teil einer Serie von Anschlägen, die ganz Europa von den 1960ern bis Ende der 1980er-Jahre in Atem hielt. Es handelte sich um den grössten Terroranschlag, der jemals gegen die Schweiz verübt wurde. Noch heute wirft der Fall zahlreiche Fragen auf.

Mehrere Schweizer Journalisten haben sich teils jahrelang mit dem Swissair-Attentat beschäftigt. Unter ihnen Walter Senn, aber auch «Beobachter»-Redaktor Otto Hostettler. Er ist 2009 auf den Fall aufmerksam geworden und hat seither intensiv recherchiert. Erst durch juristischen Druck konnte er die Herausgabe einiger wichtiger Dokumente erzwingen, die die Bundesanwaltschaft unter Verschluss halten wollte. In mehreren Artikeln, die in den vergangenen Jahren im «Beobachter» erschienen sind, hat er den Schleier etwas lüften können, den die Schweizer Behörden über den Fall legen wollten. Doch noch sind Geheimnisse offen – und wie schon der Würenlinger Alt-Ammann Arthur Schneider drückt Hostettler sein Befremden darüber aus, dass der Terroranschlag langsam vergessen zu gehen scheint. Wärenddessen laufen die mutmasslichen Drahtzieher hinter dem Swissair-Attentat noch frei herum, falls sie mittlerweile nicht verstorben sind.

Aus Artikeln, die im «Beobachter» und weiteren Medien erschienen sind, sowie aus einem ausführlichen Gespräch mit «Beobachter»-Redaktor Hostettler lässt sich die Abfolge der Ereignisse rekonstruieren:

18. Februar 1969:

Vier Aktivisten für die Befreiung Palästinas schiessen am Flughafen Zürich auf eine El-Al-Maschine. Der Pilot stirbt. Ein Attentäter wird getötet, drei festgenommen und zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Februar 1970:

Die Jordanier Sufian Radi Kaddoumi und Badawi Mousa Jawher sowie ihre Helfer Yaser Qasem und Issa Abdallah Abu-Toboul kaufen in Frankfurt mehrere Höhenmesser. Danach kommt es zu einigen Treffen. Wie der «Beobachter» schreibt, haben sie bei diesen Treffen wohl Bomben gebaut. Die Männer gehören einer militanten Splittergruppe der palästinensischen Befreiungsfront PFLP an (PFLP-General Command, GC).

20. Februar 1970:

Qasem und Jawher geben in Frankfurt ein Paket auf. Auch auf dem Postamt München 2 wird ein 4,3 Kilogramm schweres Paket aufgegeben, vermutlich von Kaddoumi. Beide sind an erfundene Anschriften in Israel adressiert. In beiden Paketen befinden sich Bomben, die mit Höhenmessern von gleichem Fabrikat ausgestattet sind. Sie sind in Radios eingebaut.

21. Februar 1970: 


Am Vormittag explodiert die Paketbombe aus Frankfurt an Bord einer Maschine der Austrian Airlines, welche von Frankfurt via Wien nach Israel fliegen sollte. Die beschädigte Caravelle kann notlanden, Menschen kommen nicht zu Schaden.

Flug SR 330 – eine Swissair-Maschine vom Typ Coronado – hebt um 13.14 Uhr in Kloten in Richtung Tel Aviv ab. Im Gepäckraum befindet sich die Paketbombe aus München. Sie war am Morgen bereits mit dem selben Flugzeug von München nach Kloten gelangt, ohne dass der Höhenmesser die Bombe gezündet hatte.

Die Bombe wäre – als Teil des üblichen Posttransports – normalerweise mit einer Maschine der israelischen Fluggesellschaft El Al transportiert worden, die samstags den Kurs London-München-Tel Aviv flog.

Allerdings war diese kurzfristig über Köln umgeleitet worden – also wurde die Post in München statt in das El-Al-Flugzeig in die Swissair-Maschine verladen, die via Kloten nach Tel Aviv fliegen sollte Der El-Al-Station-Manager gab später zu Protokoll, in Köln habe eine grössere Reisegruppe zusteigen wollen, deshalb die Umleitung. «Diese Aussage hat man nie hinterfragt», sagt Beobachter-Redaktor Otto Hostettler dazu.

Sieben Minuten nach dem Start in Kloten, über Brunnen, meldet Kapitän Karl Berlinger einen Druckabfall in der Kabine. Er vermute eine Explosion im hinteren Gepäckraum und müsse nach Zürich zurückkehren. Dort kommt die Maschine nie an: Nach und nach fallen Strom und Navigationsgeräte aus, die SR 330 weicht vom Kurs ab. Um 13.33 sagt Berlinger via Funk: «Emergency, we have smoke on board. I can’t see anything.» Eine halbe Minute später meldet sich der Co-Pilot Armand Etienne zum letzten mal. «330 is crashing. Goodbye everybody. Goodbye everybody.» Die Maschine ist nach links geneigt, als sie mit dem Flügel die Bäume streift, sich überschlägt und explodiert. Alle 47 Menschen an Bord sterben, darunter 9 Besatzungsmitglieder sowie viele deutsche und israelische Passagiere.

Zwei Tage nach den beiden Attentaten:

Ermittler der Bezirksanwaltschaft Bülach und der Kantonspolizei Zürich erlassen Haftbefehle gegen die beiden mutmasslichen Haupttäter Jawher und Kaddoumi.

11. März 1970:

Der Schweizer Journalist Gregor Henger kann den mittlerweile nach Jordanien geflüchteten Kaddoumi in der Hauptstadt Amman interviewen. Dieser gibt zu, Mitglied des Generalkommandos der Volksfront zur Befreiung Palästinas zu sein und sich mit den anderen Verdächtigen getroffen zu haben. Mit dem Anschlag auf SR330 habe er aber nichts zu tun. Laut der «Neuen Zürcher Zeitung» ist Henger mit Kaddoumis Leuten in deren Auto unterwegs, als er sieht, dass an der Windschutzscheibe ein Höhenmesser des Typs Altimeter 50 M prangt. Er weiss: Genau dieses Modell wurde in der Swissair-Bombe verwendet. Henger vermutet, dass Kaddoumi im Auftrag von Ahmet Jibril gehandelt hat. Jibril gründete 1967 mit Georg Habash die palästinensische Befreiungsfront PFLP und schuf später das General Command, eine Art Privatarmee.

6. September 1970:


Kämpfer der PFLP entführen je ein Flugzeug der Swissair, der britischen BOAC und der amerikanischen TWA in die jordanische Wüste. Sie verlangen von der Schweiz die Freilassung der drei Palästinenser, die wegen des Attentats vom Februar 1969 auf die El-Al-Maschine in Kloten in Haft sitzen. Dies löst ein Hin- und Her zwischen den Zürcher Behörden und den Bundesbehörden aus. Die Geiseln können währenddessen nach und nach befreit werden; die letzten kehren am 26. September in die Schweiz zurück.

1. Oktober 1970:

Die drei inhaftierten Palästinenser, werden überraschend freigelassen und nach Kairo ausgeflogen. Der für die Ermittlungen zuständige Staatsanwaltschaft sagte gegenüber dem Beobachter: «Wie damals die verurteilten Attentäter von der Schweiz freigelassen wurden, ist eigentlich eines Rechtsstaats unwürdig.» Wieso die Attentäter freigelassen wurden, obwohl die Geiseln bereits befreit waren, ist ungewiss. «Die Schweiz hatte damit, als erstes westliches Land, ein verhängnisvolles Fanal gesetzt: Sie zeigte sich erpressbar», schrieb Journalist Walter Senn 2009 in der «Weltwoche». Möglicherweise habe diese lasche Haltung gegenüber den Terroristen auch die Aufklärung des Falls Würenlingen behindert, spekulierte er.

Dezember 1970:

Der leitende Untersuchungsrichter der Staatsanwaltschaft Bülach, Robert Akeret, reicht seinen 165-seitigen Schlussbericht zum Würenlingen-Attentat bei Bundesanwalt Hans Walder ein. Danach habe er nie wieder etwas von der Bundesanwaltschaft gehört, sagte Akeret dem Beobachter – obwohl die Täter aus seiner Sicht zweifelsfrei ermittelt worden waren. «In Bern wurde nach 1971 ein Mantel des Schweigens über den Fall gelegt.» Laut Beobachter-Redaktor Hostettler finden sich ab diesem Zeitpunkt in den Ermittlungsakten der Bundesanwaltschaft kaum noch Einträge. Man habe lediglich ab und zu Personenüberprüfungen durchgeführt.

19. August 1972:

Auf eine in Rom gestartete El-Al-Maschine wird ein Sprengstoffanschlag verübt, die Maschine kann notlanden. Als mutmasslicher Urheber des Anschlags wird Marwan Khreesat international zur Fahndung ausgeschrieben. Der Name Marwan war schon bei den Ermittlungen zum Würenlingen-Attentat aufgetaucht – eine Person aus dem nahen Umfeld des mutmasslichen Haupttäters Kaddoumi soll so geheissen haben. Beobachter-Journalist Otto Hostettler fand später bei seinen Recherchen heraus, dass es sich dabei womöglich um denselben Mann gehandelt hat. Trotz dieser Parallelen finde sich in den Ermittlungsakten der Bundesanwaltschaft zum Swissair-Attentat keinerlei Notiz zum Attentat von Rom, sagt Hostettler. «Die Bundesanwaltschaft hat damals nicht realisiert – oder nicht realisieren wollen – dass im Nachbarland ein Anschlag auf ein Flugzeug verübt wurde, der verblüffende Ähnlichkeiten mit jenem von Würenlingen hatte.»

26. Oktober 1988:

Der deutsche Verfassungsschutz inhaftiert in der «Operation Herbstlaub» 16 Mitglieder der palästinensischen Befreiungsfront. Sie finden dabei auch vier in Radio- und TV-Geräte eingebaute Sprengsätze, eine fünfte Bombe bleibt verschwunden. Gebaut hat sie Marwan Khreesat. Auch er wird verhaftet, nach zwei Wochen aber wieder freigelassen – obwohl er als mutmasslicher Urheber des Rom-Attentats zur Verhaftung ausgeschrieben war. Laut «Beobachter» war Khreesat inzwischen Doppelagent geworden und arbeitete für den jordanischen Geheimdienst und den Bundesnachrichtendienst.

21. Dezember 1988:

Über der schottischen Kleinstadt Lockerbie stürzt ein Pan-Am-Jumbo ab, nachdem eine Bombe an Bord explodierte. Bis heute ist davon die Rede, dass es sich um die fünfte von Marwan Khreesat gebaute Bombe gehandelt haben könnte. 270 Menschen sterben.

24/25. Mai 1989:

Schottische Polizeiermittler reisen nach Bern und tauschen sich zwei Tage lang mit der Bundesanwaltschaft aus. In Betracht gezogen wird, dass es sich bei den Lockerbie-Attentätern um die selbe Splittergruppe der PFLP handeln könnte, die auch für das Swissair-Attentat verantwortlich gemacht wird. Wieder taucht der Name Marwan Khreesat auf, wie den Protokollen zu entnehmen ist. An diese war der «Beobachter» 2012 nach juristischem Seilziehen mit den Bundesbehörden gelangt. Festgehalten sind weitere Parallelen zwischen Lockerbie und den Attentaten auf die Swissair und die Austrian-Airlines-Maschine: die Radiobomben mit Höhenmesser, die als Postsendung aufgegeben worden waren, sowie die mutmasslichen Täter im Umfeld der palästinensischen Befreiungsfront. Die schottischen Behörden weisen die Schweizer Kollegen auch auf Parallelen zum Rom-Attentat hin. Trotzdem löste dieses Treffen laut «Beobachter» auch 1989 keine weiteren Ermittlungen der Schweizer zu Würenlingen aus.

Später wird ein Libyer für das Lockerbie-Attentat verurteilt. Allerdings wird bis heute angezweifelt, dass er der Täter war. Unter anderem sind bei den Ermittlungen Beweismittel manipuliert worden, laut Hostettler wurden beispielsweise Geldzahlungen an wichtige Zeugen getätigt. Bis heute kämpfen Angehörige von Opfer und zahlreiche Persönlichkeiten in Schottland für eine Wiederaufnahme des Verfahrens.

24. März 1995:

Erneut werden gegen die mutmasslichen Haupttäter des SR330-Attentats Haftbefehle verfügt. Dahinter steckt die damalige Bundesanwältin Carla Del Ponte, die das Verfahren kurzzeitig wieder aufgenommen hatte.

3. November 2000:

Die Bundesanwaltschaft stellt die Ermittlungen zum Attentat ein, «weil nicht genügend Elemente vorlagen, um die mutmasslichen Täter zu identifizieren und zu verhaften» – so schreibt es zumindest der Bundesrat 2009 einer Interpellationsantwort. Es bestehe kaum Hoffnung, die Attentäter vor Gericht zu bringen, heisst es weiter, zumal die seither vergangene Zeit «die Spuren des Attentats weiter verwischt und die Chancen für eine erfolgreiche Strafverfolgung zusätzlich verringert» habe.

Heute:

45 Jahre nach der Katastrophe von Würenlingen sind noch Fragen offen: Wieso hat die Schweiz die Ermittlungen tatsächlich eingestellt – offenbar ohne ernsthaft zu versuchen, die verantwortlichen Täter zur Rechenschaft zu ziehen? Hatte Bundesbern «Angst», wie ein hochrangiger Ermittler der Zürcher Kantonspolizei gegenüber dem Beobachter sagte? Boten die Israelis wirklich an, die mutmasslichen Attentäter zu ergreifen und an die Schweiz auszuliefern, wie der Ermittler weiter aussagte? Wieso ging die Schweiz nicht darauf ein? Es gibt Hinweise auf eine Art «Schutzgeldzahlung» der Swissair an Terrororganisationen, welche die Fluggesellschaft vor weiteren Anschlägen schützen sollte – so schreibt es zumindest der deutsche Journalist Willi Winkler im Buch «Der Schattenmann: Von Goebbels zu Carlos». Beobachter-Redaktor Hostettler ist dieser Spur nachgegangen. Belegen lasse sich die Sache bis dato nicht, sagt er. In der umfangreichen Tagebuchsammlung des damaligen stellvertretenden Swissair-Direktor Armin Baltensweiler finden sich laut Hostettler keine Hinweise auf Geldzahlungen.