Dreiste Masche

Telefonverkäufer und Inkassofirma wollen Aargauer Garagisten abkassieren

Per Telefon will ein Verkäufer einem Aargauer Garagisten ein Online-Inserat schmackhaft machen. (Symbolbild)

Per Telefon will ein Verkäufer einem Aargauer Garagisten ein Online-Inserat schmackhaft machen. (Symbolbild)

Für Online-Inserate, die er nicht bestellt hat, erhält ein Garagist aus dem Zurzibiet eine Rechnung von der Auto Computer Börse. Als er nicht reagiert, schaltet diese die Inkassofirma Inkassolution ein. Diese fordert Beträge, für die es keine gesetzliche Grundlage gibt, und droht mit Betreibung.

Diese Geschichte beginnt mit einem harmlosen Anruf im Juni: Ein Verkäufer der Auto Computer Börse (ACB) aus Langenthal versucht einem Garagisten aus dem Bezirk Zurzach ein Online-Inserat schmackhaft zu machen.

Auf diesen kam der Verkäufer nicht von ungefähr, hatte er doch erst kurz zuvor ein Inserat bei autoscout.ch geschaltet für den Verkauf eines Occasion-Mercedes. Das Angebot für ein «Dienstleistungspaket» der ACB: Ein Interneteintrag bei acht Online-Portalen, unter anderem bei autoricardo.ch, tutti.ch oder comparis.ch. Für 149 Franken. «Das schien mir günstig – auffallend günstig», erzählt der Garagist. Er belässt es dabei, sich eine Offerte schicken zu lassen.

Am 14. Juni verkauft er den Mercedes. Am selben Tag flattert die erste Rechnung der ACB ins Haus. Der Garagist wundert sich – und reagiert nicht. «Ich hatte ja keinen Auftrag gegeben», sagt er. Offenbar hatte die ACB Foto und Daten von seinem Inserat übernommen und sie bei anderen Gratis-Portalen publiziert. Der Garagist ignoriert mehrere Mahnungen. Anfang Oktober erhält er eine weitere per Post – diesmal von der Inkassofirma Inkassolution aus Hünenberg ZG. Nun schreibt der Garagist der Inkassofirma, dass er der ACB keinen Auftrag erteilt habe. Die Forderung akzeptiere er nicht.

Die Auto Computer Börse geschäftet von diesem Haus in Langenthal aus.

Die Auto Computer Börse geschäftet von diesem Haus in Langenthal aus.

Inkasso-Firma droht mit Gericht

Nach der zweiten Mahnung macht er dies per Telefon einer Mitarbeiterin klar. Doch das hindert die Inkassofirma nicht, ihm am 2. November eine dritte Mahnung zu schicken: Nun beläuft sich der geforderte Betrag auf Fr. 408.70 – Fr. 202.90 für die Grundforderung, Fr. 2.90 Zins (5 Prozent). Dazu werden 179 Franken wegen «Verzugsschaden gemäss OR Art. 106» gefordert, Fr. 23.90 wegen «Adressverifizierung».

Zudem droht die Inkassolution, gerichtlich vorzugehen. «Das ist Ihre letzte Chance innert 5 Tagen zu bezahlen», heisst es im Schreiben.

So weit kam es bisher allerdings nicht. Der Garagist erhält Ende November einen letzten Anruf mit dem Vorschlag, einen Teil der Forderung zu zahlen. «Als ich darauf nicht einging, sagte mir die Mitarbeiterin, die Sache werde an die Rechtsabteilung übergeben», erzählt der Zurzibieter.

Laut der unabhängigen Beschwerdestelle Reklamationszentrale Schweiz sind die letzten Positionen nicht gerechtfertigt. «Viele Schuldeintreiber versuchen jedoch, ihren Aufwand an den Schuldner zu überwälzen», sagt Geschäftsführer Reto Puma. «Dabei machen sie einen sogenannten Verzugsschaden und weitere Gebühren wie Adressverifizierungen geltend und berufen sich auf das Obligationenrecht Art. 106.»

«Leider kein direkter Beweis»

Das Bundesgesetz über Schuldbetreibung und Konkurs (SchKG) halte in Artikel 27 allerdings klar fest, dass die Kosten für die Vertretung nicht auf den Schuldner überwälzt werden dürfen. Ausser den maximalen 5 Prozent Verzugszinsen können keine weiteren Gebühren auf den Schuldner abgewälzt werden.» Puma rät Betroffenen, bei einer ungerechtfertigten Betreibung Rechtsvorschlag zu erheben. Dann müsste das Inkassobüro eine Forderung belegen.

Auf Anfrage räumt ACB-Geschäftsleiter Christof Kunz ein, dass ihm «leider kein direkter Beweis» für die Forderung an den Zurzibieter Garagisten vorliege. Er verteidigt sich damit, dass die Garage ja, falls aus ihrer Sicht ein Missverständnis vorgelegen habe, weder auf die Rechnung, noch auf die Mahnungen «in irgend einer Weise reagiert» habe. Der Garagist habe «offenbar versucht, kostenlos von unserer Dienstleistung zu profitieren, was wir selbstverständlich nicht akzeptieren können».

Doch auffällig ist: In Internetforen, etwa beim Vergleichsportal Comparis, berichten weitere Betroffene davon, dass sie von der ACB ohne Auftragserteilung Rechnungen und Mahnungen erhalten haben und am Telefon sogar beschimpft wurden. Ein Betroffener, der bei der ACB intervenierte, erhielt trotzdem weiterhin Mahnungen und Betreibungsandrohungen.
Kunz verfehlt nicht, dass es «in seltenen Fällen zu Differenzen mit Kunden» komme. Aber: «Von unserer Seite können diesbezügliche Fehler nahezu ausgeschlossen werden.» Er beschwert sich stattdessen «über etliche Kunden, die unfair sind und sich erst Monate nach Auftragserteilung melden». Er verweist auf «zahlreiche zufriedene Kunden, aber leider wird in diesen Foren stets nur über die negativen Ereignisse berichtet».

Laut Kunz existiert sein Unternehmen schon seit 20 Jahren. Es erledige 70 bis 80 Aufträge wöchentlich. Im Handelsregister sucht man die Firma allerdings vergebens. Die Adresse des Geschäftssitzes führt zu einem Einfamilienhaus in Langenthal im Kanton Bern. Und in einem Online-Inserat im Business-Netzwerk Xing, in dem Kunz nach Mitarbeitern in Heimarbeit aus dem Kosovo sucht, ist die Rede von «wöchentlich Listen mit Daten von Autoinseraten».
Die Inkassolution dagegen reagiert nicht auf die schriftliche Anfrage der az.

«K-Tipp drehte uns durch den Fleischwolf»

Die Reklamationszentrale Schweiz führt die Inkassofirma auf ihrer Warnliste. In ihrem Beschwerdebarometer ist die Inkassofirma in vier Monaten der ersten Jahreshälfte einen Rang in den Top Ten. 2016 trafen laut Puma bisher 30 Reklamationseingänge zur Inkassolution ein. Der «Kassensturz» berichtete im Oktober 2013 schon über eine «dreiste Masche» der Inkassolution, ebenso die Konsumentenzeitschriften «K-Tipp» oder «Saldo»: Damals verschickte diese Rechnungen für Zeitschriftenabos, die niemand bestellt hatte. Das scheint die Geschäftsinhaber Milan und Mio Milic nicht zu kümmern. Im Gegenteil. In einem unkritischen Interview im Lokalanzeiger «Zuger Woche» von 2013 («Eine Erfolgsstory wie sie im Buche steht») rühmt sich Milan Milic sogar damit, indem er sagt: «Der K-Tipp drehte uns durch den Fleischwolf.»

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