Und das geht so: Unterwegs im Intercity 527 «Walhalla» von Dresden nach Passau, erzählt Malchus als Tante Hilde ihrem Neffen Sigi von Liebe, Rache, Geldgier, Mord und Totschlag. Siegfried trifft auf die stickende Krimhild, die sagenhaft schöne Brunhild von Island und die drei eigenartigen Brüder und Burgunderkönige Gunther, Gernot und Giselher.

Auf einer Parkbank sitzend, die sich dank einer Decke zu einem Sitzplatz in einem Intercity der Deutschen Bahn verwandelt hatte, spielt Malchus über ein Dutzend verschiedener Charaktere. Nicht nur stimmlich, sondern auch pantomimisch hat sie dabei einiges zu bieten.

Bad im Drachenblut

Von der Rolle des staunenden Neffen Sigi, der in der Nase bohrt, wechselt sie schnell in die Rolle des protzenden Bankers, der dank Handy die Steuerflucht nach Liechtenstein vorbereitet – dann schlüpft die Akteurin wieder zurück in die Rolle Tante Hildes, die ihre modern interpretierte Fassung der Nibelungensaga erzählt. Dabei nimmt ihr einziges Requisit, ein goldfarbener Koffer, allerlei verschiedene Funktionen an: einmal ist er ein Schild, dann wieder ein Buch, ein Goldschatz oder aber eine viel zu schwere Rüstung.

Malchus führt das Publikum dabei an verschiedene Schauplätze von Siegfrieds Heimatort Xanthen, wo seine Eltern schon früh bemerkt haben, dass er «ein ADHS-Kind war» über den Märchenwald, wo er ein Bad im Drachenblut nimmt bis zum Ausflug nach Island, wo Gunther gegen Brunhild kämpft. Andere Szenen handeln von einer königlichen Doppelhochzeit und der darauffolgenden Hochzeitsnacht, die für einige der Beteiligten einen unerfreulichen Verlauf nimmt.

Neffe Sigi, der sonst lieber Gameboy spielt, meint «die Guten müssen gut sein!». Tante Hilde nimmt ihm diese Illusion: «Das ist nur in Hollywood so, wir sind hier in Worms.»

So nehmen die Burgunder ein böses Ende und, weil die mitreisenden und mithörenden Banker aussteigen müssen, ist beim nächsten Halt des Zuges in Hagen Schluss mit Tante Hildes Geschichte. Dem Publikum im Propsteisaal, viele davon Mitglieder des veranstaltenden Vereins MundArt, gefiel es. Auf noch mehr Erzählkunst kann man sich am Muttertag kommenden Jahres freuen, wenn Bad Zurzach im Rahmen des 4. MundArt-Festivals wieder während eines ganzen Wochenendes zu einem Treffpunkt verschiedenster Geschichtenerzähler wird.

Erzählkunst am Muttertag 2012

Das 4. MundArt-Festival in Bad Zurzach wird am Muttertags-Wochenende 2012 stattfinden (11. bis 13. Mai). Dies in einem ähnlichen Rahmen wie 2011, von Freitagabend bis Sonntag, mit einem Programm für Jung und Alt. «Es werden wieder etwa 20 Erzählerinnen und Erzähler beim Internationalen Geschichtenmarkt ums Verenamünster auftreten», sagt Catherine Schindler vom Vorstand des MundArt-Festivals. Ausserdem wird erstmals ein Erzähl-Workshop für Lehrerinnen und Lehrer angeboten (Infos unter: www.mundart-zurzach.ch).

Radiotipp Am Do, 12. Mai 2011, 21 Uhr, ist Jürg Steigmeier in der Sendung Schnabelweid auf DRS 1 zu hören. Steigmeier ist Geschichtenerzähler und Leiter des MundArt-Festivals. In der Sendung wird er Sagen aus Bad Zurzach erzählen.