Kaiserstuhl

Susanne Kunz als rasende Furie — ansonsten überzeugen die Schauspieler nicht

Joana (Susanne Kunz) deckt Gatte Valentin (Patric Gehrig) mit Vorwürfen ein. Therapeut (Peter Niklaus Steiner) versucht zu schlichten.

Joana (Susanne Kunz) deckt Gatte Valentin (Patric Gehrig) mit Vorwürfen ein. Therapeut (Peter Niklaus Steiner) versucht zu schlichten.

Ein Kriegsschauplatz wird in Daniel Glattauers «Die Wunderübung» zur Komödie. An der Premiere in Kaiserstuhl gabs viel Beifall — aber auch ebenso viel Kritik.

Neben einem Schreibtisch und Sideboards stehen drei Drehstühle, auf denen zwei Männer und eine Frau Platz nehmen. Der Mann ist um die 60. Die beiden anderen sind rund 20 Jahre jünger. Der Mann ist Durchschnitt. Die Frau wirkt etwas ungepflegt. Vor allem aber sind die Blicke, die sie auf ihr Gegenüber wirft, wie Pfeile der mörderischen Art.

Das Trio bleibt zunächst stumm. Gut Ding will schliesslich Weile haben. Doch kaum fällt das erste Wort ist auch schon klar: Gut ist hier rein gar nichts. Vielmehr führen die beiden Jüngeren einen erbitterten Ehe-Krieg. Der Ältere, Herr Allensbach, nimmt es (vorerst) gelassen, was als Paartherapeut ja sein Metier ist.

Spannung schrumpft während des Stücks

Joana aber spukt Gift und Galle, deckt Gatte Valentin im Sekunden-Takt mit Vorwürfen und Kränkungen ein, was ihn eher selten aus der Ruhe bringt: Unbewältigte Konflikte scheinen ihn kaum (mehr) zu stören. Die Versuche des Psychologen das grausam zerstrittene Paar mittels Hypnotherapeutischen Übungen – inklusive Zen-Klangschale – zurückzuführen zu ehelicher Harmonie, scheitern kläglich.

Der österreichische Autor Daniel Glattauer, der 2006 mit dem auf E-Mails basierenden Roman «Gut gegen Nordwind» einen Bestseller lanciert hatte und für den Deutschen Buchpreis nominiert war, bezeichnet «Die Wunderübung» als Komödie. Warum soll man es schliesslich nicht lustig finden, mit extensiv auf die Spitze getriebenen Trivialitäten und Plattitüden aus einer ausgeleierten Zweierbeziehung bombardiert zu werden.

Aber Hand aufs Herz: Wenn nach fünf Minuten glasklar ist, worum es geht, sich anschliessend die Dialoge in einer Art Endlosschleife drehen und die Handlung sich nur sehr spärlich entwickelt, schrumpft die Spannung rapid.

So bietet die Pause eine willkommene Abwechslung und mit frischer Neugier wird danach erwartet, wie es auf dem ehelichen Schlachtfeld weitergeht. Und siehe da, etwas Überraschendes geschieht: Allenspach’s Handy klingelt. Er hat eine E-Mail bekommen, die ihn und die Therapiesitzung komplett aus den Fugen bringt. Diese Wendung könnte tatsächlich Spannung bringen. Könnte, tut sie aber insofern nur marginal, als der Hintergrund, respektive Sinn und Zweck der E-Mail dem geneigten Zuschauer wiederum innert weniger Minuten sonnenklar ist.

Parodistische Dialoge zusätzlich überhöht

Mit «Die Wunderübung» ist Glattauer kein grosser Wurf gelungen. Und auch die Aufführung auf der Kaiserbühne ist nicht über alle Zweifel erhaben. Hausherr Peter Niklaus Steiner lässt in seiner Inszenierung die Darsteller (im zweiten Teil auch sich selber) die parodistisch zugespitzten Dialoge und Reaktionen zusätzlich überhöhen.

Dadurch bleibt Susanne Kunz («1 gegen 100») hauptsächlich als mit wutverzerrtem Gesicht kreischende und von Kopf bis Fuss rasende Furie in Erinnerung. In ihrer Wehmut über Vergangenes oder den aufkommenden Glücksmomenten hingegen fehlt es Joana weitgehend an feinen und glaubhaften Zwischentönen.

Patric Gehrig hat als zurückhaltender, vorwiegend passiver Gatte einen weniger vielschichtigen Part, den er adäquat gestaltet. Souverän ist Therapeut Allensbach im ersten Teil. Nach der Pause allerdings dreht Steiner parodistisch so wuchtig auf, dass man sich die Frage, warum der Therapeut dies tut, gar nicht stellen muss – die psychologische Finte ist allzu durchsichtig.
Sei's drum: Dem Premierenpublikum hat es offensichtlich gefallen, und der Beifall war entsprechend lang anhaltend.

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