Scheidung, kaputte Schulter, Job weg, ein Berg von Schulden – «ich komme ja nie aus dem ‹Seich› heraus.» Mit dieser Feststellung hat Gennaro (Name geändert) gewiss nicht unrecht. Im Grunde genommen ist der 50-Jährige ja eigentlich ein armer Teufel, denn ihm sitzt der Teufel namens Alkohol im Nacken. Auf die Frage von Einzelrichter Cyrill Kramer, ob er heute schon welchen getrunken habe, nickt Gennaro: «Ja, ein Bier, oder zwei. Aber ich bin zurechnungsfähig.» Vielleicht waren es ja auch drei oder vier Bierchen – wer weiss das schon so genau.

Jedenfalls spricht Gennaro viel, aber nicht sehr deutlich. Drei Mal war er in den vergangenen zwei Jahren in einer Entzugsklinik. «Jedes Mal, wenn ich da rauskam, ging es mir gut. Dann kam sie wieder und machte alles kaputt.» Sie ist seine Frau, mit der er ennet der Grenze einen Scheidungskrieg führt. Hier lebt er jetzt bei seiner Freundin.

Fünf-Tage-Bart, Grau meliert, tätowiert, verwaschenes Shirt, Jeans, Turnschuhe, ein Pflaster über der rechten Braue. Im Dezember hatte Gennaro eine neue Stelle als Bauleiter angetreten, hatte 7750 Franken verdient. Im Januar war er in der Freizeit auf Glatteis ausgerutscht, «die Schulter tut immer noch höllisch weh». Im Februar war ihm die Arbeit gekündigt worden. Jetzt hat er einen neuen Job in Aussicht, «aber solange die Schulter nicht in Ordnung ist, kann ich nicht arbeiten». Das Suva-Taggeld wird gepfändet. Nun sass er also vor dem Richter und dies nicht zum ersten Mal.

Im Februar letzten Jahres war er mit 2,05 Promille am Steuer erwischt worden – sieben Monate, nachdem ihm der Führerausweis auf unbestimmte Zeit entzogen worden war. Am Auto war nur ein Kennzeichen und das hatte Gennaro in einer Tiefgarage entwendet gehabt. «Die Polizei hatte es eindeutig auf mich abgesehen, hatte mir in einem zivilen Wagen an der Tankstelle regelrecht aufgelauert.» Im Polizei-Rapport, konterte der Richter, sei allerdings zu lesen, dass er den Beamten aufgefallen sei, weil er Schlangenlinie fuhr. «Das stimmt nicht. Ich bin ja nur 500 Meter weit gefahren und das ganz geradeaus.» Den Alfa mit 300 000 Kilometern auf dem Zähler, habe er für seinen Sohn gekauft gehabt, 300 Stutz bezahlt, abgeholt und auftanken wollen.

Dass er blau und ohne Führerausweis am Steuer von dem alten Chlapf gesessen hatte, gibt Gennaro unumwunden zu. Mit dem gestohlenen Kennzeichen hingegen will er nichts zu tun haben. Die vom Staatsanwalt beantragte Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 80 Franken (also 14 400 Franken) findet er unangemessen. «Andere machen weiss Gott was, schlagen jemanden halb tot, und bekommen weniger.» Er arbeite doch gerne, fügt Gennaro an, wolle für die Familie da sein, aber wenn man ihm alles wegnehme, bleibe ihm nur der Alkohol.

Einen Blödsinn begangen

Obwohl die letzte Verurteilung wegen Fahrens in angetrunkenem Zustand – 7800 Franken bedingt – bereits mehr als vier Jahre zurückliegt und Gennaros Rückfall nicht mehr in die Probezeit fiel, kassierte er dieses Mal eine unbedingte Geldstrafe. «Mit dieser Fahrt über 500 Meter haben sie einen nicht erklärbaren Blödsinn begangen», so Richter Kramer. Weil der Italiener geständig ist, wurde die Anzahl der Tagessätze auf 150 reduziert. Somit wächst Gennaros Schuldenberg von aktuell rund 30 000 Franken um 12 000 Franken plus Gerichtskosten.