Der Kanton muss sparen. «Entlastungsmassnahmen 2016» nennt sich das auf Behördendeutsch. «Der Regierungsrat erachtet diese Massnahmen angesichts der weiteren Verschlechterung der volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen für gerechtfertigt», hält Regierungsrat Roland Brogli in einem Schreiben fest. Mit diesem Schritt soll unter anderem der Kostenentwicklung in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Sicherheit und Soziales entgegengewirkt werden.

Nun schlägt der Avusa (Aargauischer Verband Unternehmen mit sozialem Auftrag) Alarm. Von diesem Sparkurs seien Institutionen und Firmen mit sozialem Auftrag massgeblich betroffen. So etwa die Wettinger Arwo-Stiftung, die Wohn-, Arbeits- und Beschäftigungsplätze für Menschen mit geistiger Behinderung anbietet. Oder ihr Pendant in Kleindöttingen, das Arbeits- und Wohnzentrum AWZ. «Der Kanton hat mit den Entlastungsmassnahmen 2016 grosse Sparanstrengungen geplant», sagt Avusa-Präsidentin Esther Gebhard und betont: «Das Sparpaket ist zu straff geschnürt.»

Jede Einrichtung hat einen Leistungsvertrag mit dem Kanton. Dieser regelt die Anzahl Betreuungsplätze und die Vergütung. Nun soll die Leistungspauschale, die Haupteinnahmequelle der Einrichtungen, um 2 Prozent gekürzt werden. «Diese Kürzung ist massiv und hat direkten Einfluss auf die Qualität der Betreuung», fürchtet AWZ-Geschäftsführer Roger Cavegn. Roland Meier, Geschäftsführer der Wettinger Arwo, sagt: «Grundsätzlich gibt es bei solchen Sparmassnahmen nur zwei Lösungen – Personal abbauen oder neue Einnahmen generieren.»

Ein weiterer Stein des Anstosses ist der sogenannte Mutationsgewinn. Die Idee dahinter: Wenn ältere Mitarbeiter aufhören und jüngere nachrücken, ergibt sich eine Einsparung, ebenso bei Kündigungen, wenn die Nachfolger erst zwei oder drei Monate später kommen. «In unseren Unternehmen müssen Mitarbeiter aber unverzüglich ersetzt werden, weil die Betreuung der Klienten während 24 Stunden an 365 Tagen gewährleistet sein muss», sagt Avusa-Präsidentin Gebhard. «Und jüngere Mitarbeitende sind nicht billiger, weil sie oft eine höhere Ausbildung mitbringen. Wir sind der Meinung, dass der Mutationsgewinn unverzüglich abgeschafft werden muss.» Seit 2010 hat dieser Mutationsgewinn zu 5,2 Prozent weniger Lohnsummenzuwachs geführt. Und das in Zeiten des Fachkräftemangels.

Auch das Moratorium für Neu- und Sanierungsbauten trägt nicht zur guten Stimmung bei. So musste die Arwo in Wettingen ein Projekt auf Eis legen, das für ältere Menschen mit Behinderung Platz bieten sollte. Wegen des Sparpakets würden keine neuen Platzangebote bewilligt, so nun die Befürchtung. Dadurch und durch die zu wenig beachtete demografische Entwicklung führe dies zur vermehrten Platzierung von Aargauer Klienten in anderen Kantonen.

Dennoch gibt sich Arwo-Geschäftsführer Roland Meier kämpferisch: «Wir sind in der glücklichen Lage, die Eigenfinanzierung ausbauen zu können – was längst nicht alle Institutionen können. Wir befassen uns seit längerem mit dem Gedanken, die Lebensmittelproduktion zu erweitern und ein Logistikprojekt für Webshops anzubieten. Der Zeit- und Kostendruck zwingt uns nun, diese Projekte extrem voranzutreiben, um einen Stellenabbau zu verhindern.»

Neubau-Glück in Kleindöttingen

Glück hatte man in Kleindöttingen, was das Moratorium für Neubauten betrifft. Erst vor kurzem hat das AWZ seine neue Werk- und Tagesstätte an der Zentrumsstrasse in Kleindöttingen bezogen. Die Folgen der Sparmassnahmen sind für Geschäftsführer Roger Cavegn deshalb auch nur schwer abzuschätzen. «Nach dem Einzug in die neuen Räumlichkeiten ist unsere Budgetunsicherheit für 2016 sehr gross. Der Betrieb muss sich erst einspielen, deshalb kann ich zu den Folgen der Sparmassnahmen noch nichts sagen.»

Der Stau der notwendigen baulichen Massnahmen wird steigen und in Zukunft noch stärkeren Einfluss auf die Finanzen haben, glaubt man beim Avusa. «Das alles bereitet uns grosses Unbehagen. Wir gehen davon aus, dass der Grosse Rat diese flächendeckende Sparmassnahme in unserem Bereich nochmals kritisch beurteilt», sagt Präsidentin Esther Gebhard. «Zu diesem Zweck wurden die Grossrätinnen und Grossräte entsprechend sachlich informiert.»