Wahlkampf

Die meisten Zurzibieter Grossräte sind Social-Media-Muffel

Soziale Medien gehören mittlerweile zum guten Ton – auch in der Politik. Doch wie gut setzen die sieben amtierenden Grossräte aus dem Bezirk Zurzach die Netzwerke im Wahlkampf ein?

René Huber als «digitalen Nerd» zu bezeichnen, wäre glatt übertrieben. Den CVP-Grossrat aus Leuggern findet man weder auf Instagram noch auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. «Der Stellenwert von sozialen Medien nimmt zwar immer mehr zu», sagt Huber. Er selbst sei jedoch nicht besonders aktiv im Einsatz. «Für mich ist der persönliche Kontakt mit der Bevölkerung wichtig und darf meines Erachtens nicht zu Gunsten der digitalen Plattformen vernachlässigt werden.» Dennoch wirbt Huber mit seinen politischen Inhalten aktuell im Netz. Wie sein Parteikollege Andreas Meier (Klingnau) und der SP-Mann David Burgherr aus Lengnau hat er auf Youtube ein Video geschaltet.

Die Frage, die sich dennoch stellt: Gehört Huber zur Fraktion der digitalen Muffel, die eine Entwicklung verpassen, um neue, jüngere Wählerschichten zu erreichen? Eine Antwort liefert Fabrizio Gilardi von der Universität Zürich. Der Politikwissenschaftler hat in seiner Medienstudie 2019 den National- und Ständeratswahlkampf untersucht. Seine Erkenntnis: «Der Onlinewahlkampf hält sich noch in Grenzen.» Laut der Studie hatte die Mehrheit der über 4500 Kandidierenden zwar ein persönliches Facebook-Profil. Aber nur 261 hatten eine eigene Facebook-Seite als Politiker, die es braucht, um Werbung schalten zu können. Viele waren also wenig professionell unterwegs.

Für ein professionelles Onlinemarketing fehlt die Zeit

Zur Gilde, die nach wie vor einen traditionellen Wahlkampf betreibt, gehört auch SVP-Grossrat Hansjörg Erne aus Hettenschwil: «Bei der grossen Anzahl von Portalen ist es schwierig, wo man genau aktiv sein will. Entweder man macht es konsequent, oder man lässt es bleiben. Ich mache Zweiteres.» Ernes Parteikollegen Patrick Gosteli (Böttstein) und Manuel Tinner (Döttingen) vertreten eine ähnliche Auffassung: «Soziale Medien sind ein Element – aber von eher kleinerem Ausmass.» Nicht jeder Freund auf Facebook sei auch politisch interessiert, sagt Gosteli. «Der Stellenwert ist nicht so hoch, wie es weitläufig die Meinung ist», glaubt Tinner.

Diese Einschätzungen überraschen Daniel Jörg nicht. Er ist zuständig für Digitalmarketing bei der Kommunikationsagentur Farner Consulting. Die meisten Kandidierenden versuchen, nach bestem Wissen das Maximum in den sozialen Medien herauszuholen. Dies gelinge jedoch mehrheitlich nicht, sagt Jörg: Professionelles Onlinemarketing sei ein Vollzeitjob. Den Milizpolitikern fehle aber schlichtweg die Zeit.

Wie Fabrizio Gilardi ausserdem herausfand, drehte sich der Onlinewahlkampf im vergangenen Herbst oft um die Person selbst: «Auf Facebook hatten über drei Viertel aller Beiträge keine spezifischen Themen oder Inhalte, sondern es ging um Wahlen und Mobilisierung.» Die eigenen Inhalte interessant zu präsentieren, sei eine grosse Herausforderung, sagt Daniel Jörg in einem Beitrag auf SRF: «Viele Politiker haben zwar Meinungen und Positionen, aber sie wissen nicht genau, wie sie diese immer wieder neu erzählen sollen.»

Einer, der die digitalen Kanäle aktiv einsetzt, ist David Burgherr. Ihn findet man auf Twitter, Instagram und Facebook. «Soziale Netzwerke dienen dazu, jederzeit präsent zu sein, erreichbar, in Beziehung treten zu können.» Das würden Printmedien oder Livestream­medien wie Radio und Fernsehen nicht schaffen. Burgherr wirbt mittels Printmedien für seine sozialen Medienkanäle und berichtet dort wiederum über seine Beiträge oder ihn betreffende Berichte in den Printmedien. «Das erhöht die Reichweite und den Nutzen beider Kanäle.»

Claudia Hauser auch während Corona am aktivsten

Viral präsent ist auch Claudia Hauser. Die FDP-Grossrätin aus Döttingen nutzt die bekannten Plattformen. «Aus meiner Sicht ist es heute nicht mehr möglich, einen Wahlkampf zu führen ohne den Einsatz von sozialen Medien.» Hauser ist die Einzige, die ein politisches Profil auf Facebook hat.

Werber Daniel Jörg findet indes, die Vorstellungen seien überzogen, was man alles mit sozialen Medien in der Schweizer Politik erreichen kann. Das Bild hierzulande sei geprägt von den USA, wo Social Media auch im Nachrichtenbereich viel wichtiger sei. Die digitalen Medien hätten zwar die Berichterstattung über den Wahlkampf geprägt, den Wahlkampf selbst aber noch kaum. Es sei aber zu erwarten, dass dies bei kommenden Wahlen wichtiger werde, meint Politologe Gilardi. «Die ganze Landschaft verändert sich sehr schnell.»

Wie unterschiedlich rasant auch das Tempo bei den Zurzibieter Grossräten ist, zeigt sich in Zeiten von Corona. Während die Männer mehrheitlich an ihrem bewährten Wahlkampfkonzept festhalten, setzt Claudia Hauser die technischen Möglichkeiten gezielt ein: Sie organisiert digitale Stammtische. «Damit kann ich auch die Menschen erreichen, die aus Sicherheitsgründen nicht an Veranstaltungen teilnehmen möchten oder können.» Mit welcher Strategie wer am meisten Wähler erreicht, wird sich am 18. Oktober zeigen.

Autor

Daniel Weissenbrunner

Daniel Weissenbrunner

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