Aus einem weissen Federknäuel recken sich zitternd drei Köpfchen hervor, als sich das Falkenweibchen mit der Beute nähert. Die Jungvögel sperren ihre Schnäbel auf und – noch einmal nachgezählt – da erkennt man plötzlich ein viertes Küken! Neben seinen drängelnden Geschwistern verliert es den Stand. Und plumpst unsanft auf seinen Schnabel. 

Beobachten lässt sich das Geschehen am Grossbildfernseher im Infozentrum des Kernkraftwerks Leibstadt (KKL). Auf dessen Kühlturm haben die kleinen Wanderfalken vor einer Woche das Licht der Welt erblickt. Durch eine im Nest angebrachte Kamera ist die Kinderstube der Raubvögel vom Anfang der Brutzeit im März bis zirka Ende Mai live auf Sendung. 

Für ihre Geburt haben sich die Küken aber einen ungestörten Moment ausgesucht: Laut KKL sind zwei Küken vermutlich am Ostermontag – da war das Infozentrum geschlossen – und Nummer drei und vier am nächsten Tag geschlüpft. 

Kinderstube auf 96 Metern Höhe

Es ist eine besondere Freundschaft zwischen dem Kernkraftwerk mit seinen mächtigen Betonbauten und seinen gefiederten Obermietern. Seit 1997 ist der Kühlturm die ständige Heimat eines Falken-Pärchens. Auf einer Positionslampe in 96 Metern Höhe haben die monogam lebenden Raubvögel es sich häuslich eingerichtet. Jedes Jahr ziehen sie dort ihre drei bis vier Jungen auf – und wurden damit zur Hauptattraktion des Kernkraftwerks. Besucherinnen und Besucher aus der ganzen Schweiz strömen jährlich ins Infozentrum, um einen Blick auf die Jungvögel zu erhaschen. 

Kurz nach der Geburt sind die Kleinen aber noch fast nicht zu sehen. Die meiste Zeit kuscheln sie sich nämlich unter das wärmende Federkleid ihrer Mutter. Deshalb schafft in den ersten 14 Tagen nach dem Schlüpfen auch ausschliesslich das Männchen die Nahrung herbei. Die gejagte Beute (mehrheitlich Vögel bis Taubengrösse) legt es vor dem Weibchen ab. Dieses verfüttert den Fang dann in Stückchen an die Jungen. Erst ab dem 20. Tag füttern beide Eltern gleichermassen.

In den nächsten Wochen werden die vier Falkenjungen stetig wachsen, ihr Gefieder wechseln und langsam flügge werden. Gegen Ende Mai, nach vielem Üben, fliegen sie aus und verlassen den Kühlturm.

Felskletterer sind Störenfriede 

Auf 300 bis 400 Paare schätzt die Schweizerische Vogelwarte Sempach den Bestand der Wanderfalken in der Schweiz. Die Greifvögel brüten bevorzugt in Felsen, von wo aus sie einen weiten Ausblick haben und das Nest gut geschützt ist. Auch ein Nistkasten am Kühlturm eines Kernkraftwerks erfüllt diesen Zweck – manchmal sogar besser. "Wanderfalken fühlen sich beim Brüten rasch gestört, etwa durch Felskletterer", sagt Michael Schaad von der Vogelwarte. In Kletterfelsen kann es vorkommen, dass die Vögel bei Störung eine Brut abbrechen. "Oft sind Kletterer aber bereit, temporär aufs Klettern zu verzichten."

Am Kühlturm des Kernkraftwerks hingegen haben Wanderfalkenbruten ihre Ruhe. Die "Fälkli", wie sie beim KKL liebevoll genannt werden, werden von der Welt ausserhalb ihres Nests erst etwas mitbekommen, wenn Mitarbeiter des Infozentrums auf den Kühlturm hinaufsteigen, um sie zu beringen. 

Beitrag zur Forschung

Unter Aufsicht der Schweizerischen Vogelwarte Sempach wird den Jungvögeln, kurz bevor sie ausfliegen, ein sehr leichter Aluminiumring ans Bein gelegt. Dieser trägt eine individuelle Nummer und den Namen der nationalen Beringungszentrale (hier: Sempach Helvetia).

Beringung der Wanderfalken am Kühlturm des Kernkraftwerk Leibstadt (Aufnahme vom April 2016)

Beringung der Wanderfalken am Kühlturm des Kernkraftwerks Leibstadt (Aufnahme vom April 2016)

Die Beringung bringt laut der Vogelwarte einige Vorteile mit sich: Dadurch lasse sich erfahren, welchen Gefahren die freilebenden Vögel ausgesetzt sind und welches Alter sie höchstens erreichen. Für die Verhaltensforschung wird der Falke so zu einem erkennbaren Individuum mit einem persönlichen Lebensweg. Besonders schön: Dank der Beringung weiss man auch, wo sich die Kühlturmfalken später als Erwachsene niederlassen – und ob es sie einst dahin zurückzieht, wo alles seinen Anfang nahm.