Beat Rudolf musste sich einiges anhören. «Sie machen hier unnötig Stimmung und den Leuten Angst. Mir fehlt ein Pro, ich höre nur das Contra.» Es war nicht das einzige kritische Votum, dass sich am Montagabend an den Ammann von Rietheim richtete. Rudolf nutzte die letzte Informationsveranstaltung vor der ausserordentlichen Gemeindeversammlung, um nochmals darzulegen, warum man aus Behördensicht gegen die Fusion seiner Gemeinde ist.

Am 23. Mai entscheiden zehn Gemeinden im Zurzibiet über den Zusammenschlussvertrag des Rheintalplus-Projekts. Bei einem Ja aller Gemeinden würde die flächenmässig grösste Gemeinde im Kanton mit über 8000 Einwohnern entstehen. Damit die Fusion zustande kommt, müssen mindestens vier Gemeinden und ganz sicher Bad Zurzach dem sogenannten 4+1-Modell zustimmen. Sieben Gemeinden empfehlen eine gemeinsame Zukunft zur Annahme, drei Gemeinderäte – Mellikon, Fisibach und eben Rietheim – lehnen sie ab.

Projekt Rheintal+ - das sind die 10 Zurzibieter Gemeinden: 

Keine Rosinenpicker

Dass Beat Rudolf einer Fusion Rietheims von Beginn an mit Vorbehalten gegenübersteht, ist bekannt. Seine Bedenken äusserte er schon beim Kick-off-Meeting vor zwei Jahren zur vertieften Prüfung in Fisibach. An dieser Haltung hat sich bis heute nichts geändert. Für ihn und den restlichen Gemeinderat überwiegen klar die Nachteile einer Grossgemeinde. Die Rietheimer Exekutive befürchtet «die unwiderrufliche Aufgabe der Selbstständigkeit», «den Verlust der Bürgernähe und der Demokratie», «dass die Vereinsunterstützung im heutigen Masse verloren geht», «den Wegzug der Mittelstufe» und «dass man zum Vornherein nicht weiss, wen und mit wie vielen Gemeinden man heirate». Es könnten fünf oder neun werden, stört sich Rudolf.

Ihm gehe es nicht um Stimmungsmache, konterte er den Vorwurf aus dem Publikum. Entschieden wies er die Unterstellung zurück, man sei nur Rosinenpicker. Rietheim bezahle für Leistungen, die man erhalte. Beat Rudolf stellte klar: «Liebe Rietheimerinnen und Rietheimer, Sie entscheiden am 23. Mai, ob wir dem Vertrag zustimmen, nicht der Gemeinderat.» Er hoffe aber, dass dann erneut so viele Personen anwesend sein werden, «wie heute Abend».

Die Angst vor einem Schlafdorf

In der Tat: Rund 90 Interessierte aus dem knapp 800-Seelen-Ort am Rhein erschienen in der Mehrzweckhalle, um sich aus erster Hand zu informieren und um sich für die wegweisende Abstimmung in gut zwei Wochen eine ausgewogene Meinung bilden zu können, so ein Redner. Nach Ansicht mehrer Anwesenden sei das nicht möglich gewesen. Man fusioniere nicht mit irgendeiner Zürcher Gemeinde. «Wir wissen ja, mit wem wir es hier zu tun haben. Ich habe mir erhofft, dass eine saubere Auslegeordnung gemacht würde. Diesbezüglich sei er enttäuscht worden, sagte ein Besucher nach dem Anlass. Er bemängelte, dass Themen vermischt worden seien, die nichts mit der eigentlichen Fusion zu tun hätten. Beispielsweise die Schulstandortfrage: «Bei einem Beitritt zur neuen Gemeinde würde Rietheim die Mittelstufe verlieren. Unser Schulsystem als Ganzes befindet sich aber in Wallung. Mit dem Lehrplan 21 werden noch andere Veränderungen auf uns zu kommen, als das unsere Viertklässler künftig nach Bad Zurzach in die Schule müssen.»

Anders sieht das der Gemeinderat: Er glaubt, dass Rietheim durch den Wegzug der Mittelstufe für Familien unattraktiv würde und überaltere. Schulpflegpräsidentin Sabine Rieder hielt fest: «Wir befürchten, dass bei einem Ja unser Dorf zum Schlafort wird.»