Bad Zurzach

Sepp Blatters Gebet und die 30000 Klicks

Der Humor hielt immer wieder Einzug in diesem essayistischen Gespräch zwischen Gerold Zenoni (2. v. l.) und Sina.

Der Humor hielt immer wieder Einzug in diesem essayistischen Gespräch zwischen Gerold Zenoni (2. v. l.) und Sina.

Wenn Benediktinermönch Gerold Zenoni und Musikerin Sina sich im Zurzacher Turmhotel austauschen, gleicht das einem mannigfaltigen Essay mit reichlich Humor.

«Das hier soll keine Heiligsprechung für Sepp werden», warnt Gerold Zenoni, Benediktinermönch aus dem Kloster Einsiedeln. Aber der neue und alte Fifa-Präsident wolle mit seinem Schaffen und dem Fussball die Welt ein bisschen besser machen. «Vor den Weltmeisterschaften pilgert Sepp jeweils zur Gnadenkapelle in Einsiedeln, um für einen guten Turnierverlauf zu beten», schildert Zenoni eine andere Seite des Fussballpapstes, «und als die WM 2010 in Südafrika beispielsweise zu Ende war, kehrte er zurück, um sich bei Gott zu bedanken.» Eine Geschichte, die man übrigens unlängst in der Klostergazette «Salve», in deren Produktion Zenoni mitwirkt, hätte nachlesen können. Das Publikum lacht auf.

«Streaming tötet den Markt»

Schnell wird klar, warum diese Persönlichkeit aus der katholischen Kirche für die fünfte Ausgabe des Talks im Turm gewählt wurde. Der Mönch ist in seiner zurückgezogenen Zunft wohl jener mit der kommunikativsten Ader und den meisten Kontakten – das zeigen seine mannigfaltigen Anekdoten. Das unkonventionelle Gesprächsduo komplettiert Musikerin Sina, die vor kurzem ihr elftes Album taufte.

Von Korruption im Fussball führen die beiden Gesprächsleiter Roy Oppenheim und Jürgen Sahli in die Ungereimtheiten der von einem Strukturwandel betroffenen Musikbranche. «Streaming tötet den Markt», sagt sie dezidiert. Weil man aufgrund von Downloadplattformen und ebendiesen Streaming-Diensten nichts mehr verdiene, müssten Künstler die Konzertpreise erhöhen, damit sie über die Runden kämen. Läppische 0,006 Rappen erhält Sina pro Songaufruf von einem Streaming-Dienst. «Mit 30'000 Klicks kann ich mir vielleicht eine Cola kaufen», gibt die gebürtige Walliserin zu denken.

Im Kloster höre Bruder Gerold vor allem Johnny Hallyday, distanziere sich aber in frommer Manier von dessen Exzessen. Ob der Journalist und Buchherausgeber überhaupt über den Dächern von Zurzach weilen darf, musste er zuerst beim Abt erfragen. Die Strukturen in einem Klosterleben, das Zenoni als Akt der Demut bezeichnet, sind strikt. Zudem dürfe er diese Nacht nur auswärts übernachten, da es keine passende Zugverbindung mehr gebe. «Gottlob», schiebt der Mönch nach. Ebenfalls amüsant ist die Tatsache, dass er im Kloster für die «spirituelle Modeschau» zuständig ist. Bruder Gerold bekleidet die Schwarze Madonna jeweils mit einem ihrer dreissig Gewänder, die bis auf das Jahr 1686 zurückgehen.

«Progressiv, aber gegen die EU»

Sobald Bruder Gerold allerdings auf kirchenkritische Stimmen stösst, begibt er sich in die kommunikative Defensive, behält allerdings seinen Humor. Wie die Gemeinschaft denn mit Direktiven aus Rom umgehe? «Es gibt immer verschiedene Meinungen in einer Gemeinschaft.» Die einen seien eher traditionell, die anderen progressiv. «Ich bin progressiv, aber gegen die Europäische Union», erklärt der Mönch lachend. Es ist ein essayistischer Abend voller Authentizität, Sympathie und Humor. Als Bruder Gerold von der Existenz des Einsiedler Choralchors berichtet, legen die beiden Moderatoren Sina nahe, sich mit den heiligen Stimmen zu verbünden, um so ein neues Projekt zu lancieren. Die Fahrwangerin, die ihre Haltung zu Gott zwar als distanziert interpretiert, könne sich das wahnsinnig gut vorstellen. Wir ebenfalls.

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