Seit vielen Jahren ist Irina (Name geändert) in einem privaten Altenheim als Nachtwache beschäftigt. Vor sechs Jahren war die gebürtige Ukrainerin aus der Schweiz nach Deutschland gezogen, wo sie selbstständig als Kosmetikerin arbeitet. «Ein- bis zweimal pro Woche werde ich von dem Heim nach wie vor als Nachtwache aufgeboten», sagte die 53-jährige vor Gericht.

Die Mutter von fünf Kindern war wegen «Unterlassung der Nothilfe» angeklagt. Sie beantwortete die Fragen von Einzelrichter Cyrill Kramer klar und betonte mehrfach unter Schluchzen: «Ich habe wirlich mein Bestes gegeben und meiner Meinung nach korrekt gehandelt.» In ihrer Heimat sei sie zur Pflegerin ausgebildet worden.

Irina schilderte, dass sie jeweils um 17 Uhr den Dienst antrete, zusammen mit einer Praktikantin das Essen zubereite und die Tische decke. Dass die acht bis neun Pensionäre des Altenheims nach dem Essen noch etwas Fernsehen schauen würden und danach zu Bett gebracht werden. «Um 21.30 Uhr schlafen dann die meisten.»

Das sei auch an jenem Freitagabend im März vergangenen Jahres nicht anders gewesen. Gegen 5 Uhr morgens aber habe Irina ein Geräusch gehört. «Als ich Nachschau hielt, fand ich Herrn B. in seinem Zimmer auf dem Boden sitzend. Er war ansprechbar und hatte keinerlei äussere Verletzungen. Auf meine Frage, ob alles in Ordnung sei, hat er gesagt, es tue ihm nichts weh, er wolle aufstehen.»

Da Irina den Mann nicht allein zurück ins Bett heben konnte, lagerte sie ihn auf dem Boden und blieb bei ihm. Gemeinsam mit dem Praktikanten, der um 7 Uhr seinen Dienst antrat, legte Irina Herrn B. dann wieder in sein Bett. «Er hat sich zwar mehrfach erbrochen, war sonst aber munter.»

Da in jenen Tagen im Heim eine Magen-Darm-Grippe grassierte, sei das Erbrechen nicht aussergewöhnlich gewesen. Um 9.38 Uhr alarmierte die inzwischen erschienene Heimleiterin jedoch den Notarzt. Herr B. wurde mit dem Rettungsheli ins Kantonsspital Aarau geflogen. Tags darauf starb der 83jährige dort. Weder die Heimleitung noch die Hinterbliebenen von Herrn B. hätten ihr, so Irina, irgendwelche Vorwürfe gemacht.

Doch ein anonymer Anruf rief die Polizei aufs Parkett. Ihr gegenüber hatte der Praktikant bestätigt, dass Herr B. munter gewesen sei und im Bett sogar kurz gesungen und gepfiffen habe. Die Staatsanwältin aber hatte einen Strafbefehl gegen Irina erlassen: Wegen «Unterlassen der Nothilfe» sei sie zu einer bedingten Geldstrafe von 4800 Franken und 1000 Franken Busse zu verurteilen.

Irina erhob Einspruch und erschien mit einem Anwalt vor Gericht. Der Verteidiger hatte sich - offenbar im Gegensatz zur Staatsanwältin - im KSA nach der Todesursache erkundigt: Herr B. war an einer Hirnblutung gestorben.

«Nichts hatte darauf hingewiesen. Meine Mandantin hatte Herrn B. korrekt gelagert und ständig überwacht. Die Umstände waren nicht so, dass sie mit dem Schlimmsten rechnen musste.» Die ihm vom Spital zur Verfügung gestellten Unterlagen hatte der Anwalt dem Chefarzt für Neurologie an der Reha Clinic Bad Zurzach vorgelegt. Dieser hatte schriftlich festgehalten, dass «diese Art von Hirnblutung selbst für einen Arzt nicht erkennbar war».

Richter Kramer sprach Irina vollumfänglich von Schuld und Strafe frei: «Eine unmittelbare Lebensgefahr muss erkannt werden können, um den Tatbestand der unterlassenen Nothilfe zu erfüllen.» Die Kosten des Verfahrens und des Verteidigers gehen, laut Richterspruch, auf die Staatskasse.