Seit 2007 hat das Mühlekraftwerk in Lengnau keine Konzession mehr. Eine neue hat es bisher nicht erhalten – weil der Kanton das nötige Wehr aus Gründen des Hochwasserschutzes abreissen und durch eine Rampe ersetzen will. Dagegen wehren sich aber sowohl die Betreiber des Kraftwerks, die Interessengemeinschaft «Kleinkraftwerk Mühle Lengnau», als auch der Heimatschutz des Bundes.

Denn: Ohne Wehr muss einerseits das Kraftwerk schliessen. Andererseits läge der historische Kanal, der früher das Mühlrad und die Turbine mit Wasser versorgte, ohne Wehr trocken. Der Knackpunkt dabei: Lengnau ist im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder von nationaler Bedeutung (ISOS) aufgeführt. «Und das Wehr und der Mühlekanal sind für das Ortsbild relevante Elemente», sagt Christof Messner von der Sektion Heimatschutz und Denkmalpflege des Bundesamtes für Kultur.

Und so steht das alte Wehr noch immer. Zwar wäre das Abriss-Projekt bewilligt. Doch wegen der Einsprache des Heimatschutzes verwehrt der Bund dem Kanton die finanzielle Unterstützung, die diesem für den Hochwasserschutz normalerweise zusteht. Gemäss Projektleiter Martin Tschannen geht es dabei um gut 400 000 Franken. Das sind rund 35 Prozent der Gesamtkosten von 1,2 Millionen.

Ein neues Wehr solls richten

Eine andere Lösung wäre ein neues Wehr, das im Hochwasserfall zuverlässig das Wasser durchlässt. Die alte Anlage besteht aus sechs unabhängigen Wehrfeldern, die Holzbretter müssen bei Hochwasser von Hand gezogen werden. In der Konstruktion verfängt sich leicht Schwemmholz. Anders wäre dies bei einem einzelnen Wehrfeld, das sich über die ganze Breite des Flusses erstreckt. Gräbt man gleichzeitig den Grund einen Meter tiefer und senkt dafür die Wehrschwelle ab, ist die Anlage hochwassertauglich.

Genau das wollen die Verantwortlichen des Kraftwerks: Einerseits die Familie Weber, andererseits die IBB Energie AG, die sich mit 50 Prozent am künftigen Kraftwerk beteiligen will. Mit der Planung des neuen Wehrs beauftragten sie Peter Meier von der Hydrelec GmbH. Mitte 2013 war Meier mit den Plänen fertig. Er schlug vor, ein Schlauchwehr zu bauen. Gesamtkosten mit Kraftwerk: rund 400 000 Franken.

«So machen wir zwar keinen Gewinn, aber auch keinen Verlust», sagt Philippe Ramuz, Geschäftsleiter Netzdienstleistungen der IBB. Mit diesem neuen Vorschlag im Gepäck beantragte das Kraftwerk im Juli 2013 erneut eine Konzession beim Kanton.

Doch der Heimatschutz äusserte am neuen Projekt Bedenken. Das Schlauchwehr störe das Ortsbild. «Es genügt in diesem Fall nicht, die technisch einfachste und günstigste Lösung zu bauen», sagt Christof Messner. «Für das bauliche Ensemble des Mühlebezirks ist wichtig, dass das neue Wehr auch ästhetischen Ansprüchen genügt». Der Heimatschutz wünscht sich deshalb ein Klappenwehr.

Wer trägt die Mehrkosten?

Das ist technisch möglich, auch der Hochwasserschutz wäre gewährleistet. Aber: Ein Klappenwehr kostet 200 000 Franken mehr als ein Schlauchwehr. Damit wäre das Kraftwerk für die Webers und die IBB laut eigenen Angaben ein Verlustgeschäft.

Für den Heimatschutz ist das nicht relevant. Christof Messner: «Es geht hier um Bundesgelder für den Hochwasserschutz. Diese Subventionen sind an Rahmenbedingungen geknüpft, die aus unserer Sicht nötig sind.» Falls der Kanton diesen Auflagen nicht nachkommt, kann er das Projekt zwar trotzdem bewilligen und umsetzen, erhält vom Bund aber keinen Rappen.

So liegt es auch im Interesse des Aargaus, ein Klappenwehr zu bauen. Die Übernahme der Mehrkosten durch den Hochwasserschutz steht aber derzeit nicht im Raum. Die Kraftwerkbetreiber suchen deshalb nach anderen Geldquellen.

Sie haben im Dezember Geld aus dem Swisslos-Fonds beantragt. Die Realisierung der Anliegen der Denkmalpflege diene einem gemeinnützigen Zweck, argumentieren sie in ihrem Antrag. «Die regionale Bedeutung der historischen Mühle mit der Wasserkraftnutzung und dem Mühlewehr sind gross.»

Norbert Kräuchi, Leiter der Abteilung Landschaft und Gewässer des Kantons Aargau (ALG), bestätigt, dass am 16. Dezember ein entsprechendes Gesuch eingegangen ist. Wegen des laufenden Verfahrens könne er zu dessen Chancen aber keine Einschätzung abgeben. Der Entscheid über die Fördergelder liegt am Ende beim Regierungsrat.

Martin Tschannen, der für den Hochwasserschutz im Surbtal zuständig ist, unterstützt den Antrag: «Das Klappenwehr wäre für alle die beste Lösung. Wir unternehmen alles, damit das nötige Geld zusammenkommt.» Er sei überzeugt, dass in einem Jahr der Bau beginnen kann. «Wenn nicht mit Geld aus dem Lotteriefonds, dann mit anderen Mitteln.» Das letzte Kapitel der Geschichte um die alte Mühle ist auf jeden Fall noch nicht geschrieben.