Würenlingen

«Sehe ich einen Adler, muss ich dorthin»: Eugen Künzi (90) ist der wohl älteste Gleitschirmpilot der Schweiz

Mit 90 Jahren immer noch dem Fliegen verfallen: Eugen Künzi aus Würenlingen ist der wohl älteste Gleitschirmflieger der Schweiz

Mit 90 Jahren immer noch dem Fliegen verfallen: Eugen Künzi aus Würenlingen ist der wohl älteste Gleitschirmflieger der Schweiz

Rund 2500 Mal ist der 90-Jährige bereits geflogen.

Bei seinen 2500 Flügen verunfallte Eugen Künzi nur selten. Der 90-Jährige ist überzeugt: Mit dem Fliegen ist noch lange nicht Schluss. Erst vergangenes Jahr hat Künzi sich einen neuen Gleitschirm geleistet.

Auf 2500 schätzt Eugen Künzi die Anzahl Gleitschirmflüge, die er bislang absolviert hat. Die vergangenen sechs unternahm er Anfang August beim traumhaften Spätsommerwetter im Berner Oberland. Zwei bis zweieinhalb Stunden lang dauert ein Flug von Grindelwald-First bis zur offiziellen Gleitschirm-Landestelle in Interlaken. Um zum Startpunkt zu gelangen, muss er jeweils rund eine Stunde den Berg hochwandern – am Rücken den 14 Kilogramm schweren Gleitschirm. «Wenn ein Hoch im Anflug ist, packe ich die Koffer», sagt Eugen Künzi und ergänzt: «Ich bin seit fast 30 Jahren pensioniert und kann die schönen Tage auswählen.» Die Leichtigkeit und die Aussicht seien es, was ihn fasziniere, beschreibt er seine Leidenschaft.

Zum Gleitschirmfliegen kam Eugen Künzi relativ spät. Bei einem Ferienaufenthalt in Engelberg entdeckte der damals 57-Jährige eine Gruppe Flugschüler. Kurzerhand sprach er deren Lehrer an – und konnte sofort in den Kurs einsteigen. Rund ein Jahr später legte er die theoretische und praktische Prüfung ab. Seither ist er unzählige Male die verschiedensten Hügel und Berge hochgelaufen.

Bevor er zu einem Gleitschirmflug aufbricht, studiert Eugen Künzi sorgfältig die Wetter- und Thermikprognosen. Denn die Aufwinde machen für ihn das Fliegen erst recht zum Erlebnis. «Früher machte man praktisch nur Sinkflüge, die nur ganz kurz dauerten. Mit den neuen Schirmen bin ich schon von 2000 auf 4000 Meter geflogen», berichtet der Flugprofi. Beim Thermikfliegen gewinnt man nicht nur an Höhe, sondern auch an Weite. Um die Winde richtig einschätzen zu können, braucht es viel Erfahrung – und den richtigen Riecher. «Sehe ich einen Adler in der Luft, muss ich unbedingt auch dorthin», weiss Eugen Künzi. Auch die Form der Wolken gibt Aufschluss über die Luftbewegungen.

Auf dem Dach gelandet und dabei Kamin beschädigt

Angst verspüre er nie, wenn er auf dem Gipfel stehe. «Velofahren ist viel gefährlicher», findet Eugen Künzi. Fast alle seiner Flüge sind denn auch tatsächlich unfallfrei verlaufen. Fast alle. Gattin Hildegard schmunzelt. «Einmal ist er auf einem Hausdach gelandet», verrät sie. Ihr gegenüber habe er dies zu Beginn nicht erwähnt. Erst als der Brief der Versicherung gekommen sei mit der Mitteilung, man habe den Schaden am Kamin übernommen, beichtete er ihr den Vorfall. Bei der Landung rumste er nämlich in den Schornstein, der dabei in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Und einmal fiel Eugen Künzi aus zehn Metern Höhe zu Boden, weil er das Bremsmanöver falsch eingeleitet hatte. Er verlor das Bewusstsein, man alarmierte die Rettung, die ihn mit dem Helikopter barg. Noch während des Flugs sei er aber zu sich gekommen. Im Spital wurden ein paar gebrochene Rippen und eine Schulterverletzung behandelt.

Der 90-Jährige will lieber Fliegen als ins Altersheim

Eugen Künzi hat sein Leben lang Sport getrieben. Früher machte der pensionierte Haustechniker Leichtathletik und absolvierte 100-Kilometer-Läufe. Heute geht er täglich mit den Walkingstöcken in den Wald. So kommt er jeden Tag auf seine mindestens 10'000 Schritte. «Walken ist das beste Mittel gegen Bluthochdruck», ist der 90-Jährige überzeugt. Und bis im vergangenen Winter fuhr er auch noch Ski. Doch diese hat er nun an den Nagel gehängt: «Wenn ich stürze, komme ich nicht mehr alleine wieder auf die Beine», begründet er.

Doch mit dem Fliegen ist noch lange nicht Schluss. Erst vergangenes Jahr hat Eugen Künzi sich einen neuen Gleitschirm geleistet. «Andere gehen in deinem Alter ins Altersheim, doch du kaufst dir einen neuen Schirm», so der Kommentar seiner Frau und vier Kinder. Für dieses Jahr ist die Flugsaison für den Würenlinger jedoch zu Ende. Denn im Herbst und Winter sind praktisch nur Sinkflüge möglich, was für ihn die weniger attraktive Variante ist. So freut sich der 90-Jährige also bereits auf den nächsten Frühling, wenn für ihn die schönste Zeit des Gleitschirmfliegens wieder anbricht: «Ich höre erst auf, wenn ich den Schirm nicht mehr den Berg hin­auftragen mag.»

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