Waldshut

Segelflugzeug trifft Jumbo-Jet: Gefährliche Begegnungen am Himmel

Ein Flugzeug im Anflug auf den Flughafen Zürich-Kloten und ein Segelflugzeug kamen sich zu nahe.

Ein Flugzeug im Anflug auf den Flughafen Zürich-Kloten und ein Segelflugzeug kamen sich zu nahe.

Immer öfter kommt es zu Beinahe-Crashs am Flughimmel: Die Schweizerische Unfalluntersuchungsstelle ortet Defizite bei Flugsicherung und Freizeit-Piloten.

Es ist nicht nur die Fluglärm-Debatte, die zu deutsch-schweizerischen Unstimmigkeiten führt. Im grenznahen Luftraum um den Flughafen Zürich-Kloten gibt es weitaus gravierendere Probleme. Dies geht aus dem Schlussbericht hervor, den die Schweizerische Unfalluntersuchungsstelle (SUST) jetzt zu dem Beinahe-Zusammenstoss im Sommer 2012 über Waldshut-Tiengen vorgelegt hat. Der Bericht ortet Defizite bei der Schweizer Flugsicherungsgesellschaft Skyguide und Nachlässigkeiten bei Segelfliegern.

Beinahe-Zusammenstoss über Krenkingen

Beinahe-Zusammenstoss über Krenkingen

So lief der Beinahe-Crash ab

Der «schwere Vorfall», so die Einstufung der SUST, hatte sich am 11. August 2012 am Himmel über dem Waldshuter Ortsteil Krenkingen ereignet. Beteiligt waren eine Swiss-Verkehrsmaschine im Anflug auf Zürich-Kloten und ein Segelflugzeug der Segelfluggemeinschaft Bohlhof, die ihr Gelände zwischen Wutöschingen-Schwerzen und Klettgau-Rechberg hat – genau in der Nord-Anflugschneise des Flughafens. Die Maschinen waren zunächst auf Kollisionskurs. Nachdem beide Piloten Ausweichmanöver eingeleitet hatten, flogen die Maschinen auf fast gleicher Höhe aneinander vorbei, so der SUST-Bericht. Der geringste Abstand habe dabei 260 Meter betragen.

Die SUST sieht Fehlverhalten an zwei Stellen. Der zuständige Fluglotse bei der Skyguide trage die Verantwortung dafür, dass die Verkehrsmaschine zu tief geflogen sei. Der Segelflugpilot wiederum habe die zulässige Höchstgrenze überschritten. Zu der gefährlichen Annäherung kam es auf rund 1430 Meter Höhe – in einem Bereich, der als Sicherheitspuffer ausgewiesen ist.

Laut Erkenntnissen der SUST handelte es sich bei dem Beinahe-Crash nicht um einen Einzelfall. Die Ermittlungen hätten gezeigt, dass der Hobby-Pilot des Segelflugzeugs bereits zwischen Juni 2011 und August 2012 fünf Mal ungenehmigt in kontrollierte Lufträume des Flughafens Zürich-Kloten eingedrungen war. Und auch andere Mitglieder der Segelfluggemeinschaft verstiessen gegen die Vorschriften.

Möglich wurden die Erkenntnisse durch die Auswertung der sogenannten Logger. Das sind digitale Geräte, mit denen die Flugrouten der Segelflugzeugpiloten aufgezeichnet werden. Im Bereich des Flughafens Zürich-Kloten listet die SUST für den Zeitraum Mai 2008 bis Juni 2011 insgesamt acht gefährliche Annäherungen unter Beteiligung von Segelflugzeugen auf. Die Behörde: «Verschiedene Hinweise deuten darauf hin, dass nebst diesen dokumentierten Fällen noch eine grössere Dunkelziffer vorhanden ist.»

An einer Aufklärung solcher Vorfälle hat der Luftsportverein vom Bohlhof offenbar kein Interesse gehabt, ist dem Bericht der SUST zu entnehmen: «Die Segelfluggemeinschaft, in welcher der in die Fastkollision verwickelte Segelflugpilot Mitglied war, erfasste die Luftraumverletzungen ihrer Mitglieder nicht systematisch und meldete Ereignisse, die ihr bekannt waren, nicht an die zuständigen Behörden.» Die SUST ist auch der Frage nachgegangen, wie häufig Verkehrsmaschinen zu tief einfliegen. Am Beispiel des Zeitraums vom 1. bis 7. Dezember 2012 hat sie bei insgesamt 1714 untersuchten Anflügen jedoch lediglich eine Unterschreitungs-Quote von 2,8 Prozent festgestellt; bei Berücksichtigung von Messfehlertoleranzen sogar nur 0,7 Prozent.

Allerdings sieht die SUST auch unter diesen Umständen noch ein Gefahrenpotenzial: «Allein die dokumentierten, gefährlichen Annäherungen mit Segelflugzeugen zeigten, dass eine Kollision möglich ist.» Ereignisse mit Motorflugzeugen und Gleitschirmen eingeschlossen, stelle das Unterschreiten der Mindestflughöhe «ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar». Kritik an der Skyguide: Dieser Umstand sei «offenbar im Flugsicherungsunternehmen nie erkannt» worden. Das habe gewohnheitsmässig «wahrscheinlich dazu beigetragen», dass sich bei Sinkflugfreigaben «gelegentlich» zu niedrige Flughöhen ergeben hätten.

Unter anderem plädiert die SUST nun dafür, auch für Segelflugzeuge sogenannte Transponder vorzuschreiben, damit sie auf dem Radar der Flugsicherung erscheinen. Interview rechts

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