Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) feierte das 150-Jahr-Jubiläum der Gewährung der freien Niederlassung auf dem Gebiet der Eidgenossenschaft 1866 mit vielen Veranstaltungen. Diese hatten im Januar 2016 im Kornhausforum Bern ihren Anfang genommen und endeten jetzt in Lengnau, wo sich zur Finissage in der Turnhalle Dorf noch einmal Hunderte von Gästen einfanden.

SIG-Präsident Herbert Winter sagte in seiner Ansprache: «Nach Lengnau zu kommen, ist nach Hause kommen.» Er würdigte die beiden Surbtaler Gemeinden als «Pioniere des schweizerisch-jüdischen Zusammenlebens» und als «Wiege des eidgenössischen Judentums». Für Winter ist die Geschichte der Schweizer Juden eine Erfolgsgeschichte, allerdings eine «mit Rückschritten». Sei doch die Bedrohung der Menschen aktuell grösser denn je, hätten doch die jüdischen Gemeinden auch in der Schweiz immer höhere Kosten für ihre Sicherheit zu tragen. Und vom Bund sei keine Hilfe zu erwarten. «Die Absage aus Bern hat uns schwer enttäuscht», unterstrich Winter in der Versammlung, im Beisein zahlreicher Sicherheits-Leute.

Vollwertige Bürger

Ist es Sache der Kantone, die Minderheit im Land besser zu schützen? Regierungsrat Alex Hürzeler ging auf das Thema in Lengnau nicht ein. Er unterstrich indes, wie schwer sich der Kanton mit der Gleichberechtigung der Juden selbst noch nach 1866 getan habe. Lengnau und Endingen seien über Jahrhunderte auch «Verbannungsorte» der Schweizer Juden gewesen. Gleichwohl habe das den Vorteil, dass dort «das Landjudentum wie nirgendwo sonst weiterhin sichtbar ist». Heute sind laut Hürzeler die einst diskriminierten Angehörigen einer Minderheit vollwertige Bürger der Schweiz und die Feier von 150 Jahre Niederlassungsfreiheit sei eine «Feier der Normalität».

Normal wirken auch die Fotos, die im Fokus der Ausstellung stehen, die seit Januar durchs Land tourt und jetzt noch bis Anfang Januar in der Synagoge Lengnau gezeigt wird. Die Botschaft der 15 Porträts: Wir sind normale Leute mit Jobs wie andere auch, wir stehen mitten im Leben und fühlen uns in der Schweiz daheim. 15 von 18 000 Schweizer Juden blicken selbstbewusst in die Kamera, sagen: Ja, wir haben es geschafft – im Falle von Alt-Bundespräsidentin Ruth Dreifuss sogar bis an die Spitze des Staates.

Grosses Interesse an Doppeltür

Auch Jules Bloch, jüdischer Viehhändler aus Endingen, ist unter den Porträtierten. Er ist auch designiertes Vorstandsmitglied des Vereins Doppeltür, der sich am 18. Januar 2017 gründen wird. Endingens einstiger Gemeindeammann Lukas Keller stellte das Doppeltür-Projekt vor, das sich im grossen Stil der Geschichte der früheren Judendörfer im Surbtal widmen möchte. Dass daran grosses Interesse besteht, ist für den Lengnauer Publizisten Roy Oppenheim unbestritten. Schon allein der 2009 eingerichtete Jüdische Kulturweg sei Magnet für Besucher aus aller Welt. Sie alle wollten eines wissen: Wie dem Surbtal Integration gelungen ist. Wie dort Christen und Juden im Alltag zusammengelebt haben, Tür an Tür, Haus an Haus. Wie es dort eben nicht zur Ausgrenzung in einem Ghetto kam.

Im Erdgeschoss Weihnachten, darüber Chanukka – diese für Endingen und Lengnau einmalige Nähe von christlich-jüdischen Festen macht eine Multimediaschau zum Thema, die von Oppenheim konzipiert, am Sonntagabend Premiere feierte. Zahlreiche Interessierte verfolgten das Lichtspiel mit, das in der Dunkelheit auf die Fassade des früheren Gasthaus Paradies projiziert wurde.