Bad Zurzach

Schule wie vor 200 Jahren: Das Fräulein Lehrerin mit dem Rohrstock

«200 Jahre Bezirksschule» wurde in Bad Zurzach mit Nostalgie und Zukunftsmusik, einer Prise Politik und viel Humor gefeiert.

Wem gehört wohl das Auto mit Berliner Nummer, das auf dem Parkplatz nahe dem Oberstufenzentrum stand? Seit 1903 gibt es den «Verein ehemaliger Bezirksschüler Zurzach». Rund 135 aktuelle Vereinsmitglieder haben sich das Fest zum grossen Jubiläum nicht entgehen lassen. Ob ein «Exil»-Berliner dabei war? Verbrieft ist, dass ein Ehemaliger in Hamburg lebt. Solches war am Samstagnachmittag im Oberstufenzentrum zu erfahren, wo in kurzen Filmen pensionierte Lehrer in Erinnerungen schwelgten. Unter anderem berichtete Markus Meier, der von 1977 bis 2010 unterrichtet hatte, von einem Schüler, der schulisch zunächst recht Mühe gehabt hatte, der heute aber Privatdozent am Klinikum in Hamburg ist.

Im Schulzimmer gegenüber wurden die Besucher von einem Skelett empfangen, von Schnürlischrift auf einer Wandtafel, von wurmstichigen Pulten, in denen Frieda und Hildegard mit Zöpfen, Fritz und Herbert mit kurzen Hosen und «glismeten» Kniesocken sassen und mittendrin, mit strengem «Bürzi», langem, schwarzen Jupe und Rohrstock in Händen das Fräulein Lehrerin. Alias Nicole Müri berichtete sie, dass alias Leonie, Tim, Mathias und Co. die Schulstunde von anno dazumal – inklusive Beten, Aufgabenkontrolle und Gedicht aufsagen – selber zusammengestellt hatten.

Im Souterrain wurde wie vor 100 Jahren geturnt, im Parterre wurden Zeitgenossen fotografisch in Albert Ankers Gemälde «Die Dorfschule» von 1848 hinein gezaubert. In der Schreibwerkstatt übte die achtjährige Selina aus Siglistorf mit Ärmelschoner verbissen den Umgang mit Feder und Tinte, während draussen Skater das Board gegen Stelzen getauscht hatten.

Schönschreiben ist passé

Im Gemeindezentrum ging derweil der offizielle Festakt über die Bühne. Mit Regierungsrat Alex Hürzeler gab sich hoher Besuch die Ehre, was der Bildungsdirektor sichtlich mit Freude tat. In lockerer Form zeichnete er einen kurzen geschichtlichen Abriss des Aargauischen Schulwesens. Konkret zur Schule im Flecken verriet Hürzeler: «Sie startete 1817 mit 23 Schülern den Unterricht, und zwar in bereits zwei Zimmern des alten Rathauses. Dort waren gleichzeitig alle Institutionen des Bezirks untergebracht, samt Gericht, Polizei und Gefängnis. Und aus den verlausten Gefängniszellen im Estrich fand immer wieder Ungeziefer den Weg in die unteren Etagen.» Nebst interessanten schulpolitischen Ausführungen und eindrücklichen Zahlen nahmen die Gäste staunend und schmunzelnd zur Kenntnis, dass «die Schülerinnen und Schüler einer ersten Bezirksschulklasse bereits im 19. Jahrhundert elf Wochenlektionen Sprachen hatten, aufgeteilt auf Deutsch und Französisch. Heute fehlt in der Lektionentafel nur ein Fach: das Schönschreiben».

Der Festakt wurde unter anderem von der Musikschule umrahmt, die besonders mit dem Stück «Ode an die Freude» aus Beethovens Neunter Sinfonie – vorwärts, rückwärts und gemixt gespielt – begeisterte. Das tat ebenfalls der Präsident des Vereins Ehemaliger, Andreas Edelmann, mit kurzen Lebensläufen von Bezschülern aus drei Jahrhunderten – spritzig und sehr humorvoll aufbereitet: Wirtstochter Frieda aus Böbikon, geboren am 4. Januar 1898, ehelichte später einen Postbeamten aus der Ostschweiz namens Edelmann.

Aus Walter Boller, geboren am 20. Mai 1951 in Deutsch-Reckingen, ist ein namhafter Spitzensportler geworden, mit persönlicher Hochsprung-Bestleistung von 2,21 Metern. Lachsalven löste der Lebenslauf von Luca aus, geboren am 17. Juni 2057 in Mellikon, der den Schulweg mit einem Velikopter – einer Kombination von Velo und Helikopter – über den Rhein schwebend zurücklegt.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1