Klingnau

Schüler treffen junge Asylsuchende: «Sie sind ja nicht ohne Grund hier»

Tauschen sich aus: UMAS und Klingnauer Schülerinnen geniessen gemeinsam das Picknick.

Tauschen sich aus: UMAS und Klingnauer Schülerinnen geniessen gemeinsam das Picknick.

Schüler des Schulheims St. Johann in Klingnau treffen unbegleitete minderjährige Asylsuchende: Vorurteile weichen Freundschaft.

Im Zurzibiet gibt es zwei kantonale Asylunterkünfte, eine in Rekingen und eine in Felsenau. Das Thema «Asyl» ist aktueller denn je. In vielen Gebieten der Welt herrscht Krieg, Menschen werden aus ihrer Heimat vertrieben und befinden sich auf der Flucht. Doch es sind nicht nur Erwachsene oder Familien, die Schutz suchen, sondern auch Kinder, die alleine ihre Heimat verlassen müssen. Man nennt sie «UMAS», unbegleitete minderjährige Asylsuchende. Für sie gibt es im Kanton Aargau nur ein Zentrum in Aarau.

Viele Leute haben Vorurteile, fürchten und meiden deshalb Asylanten. Auch bei Jugendlichen gibt es diese Ängste. Um dem entgegenzuwirken, hat das Schulheim St. Johann aus Klingnau eine pragmatische Lösung gewählt: Anfang Jahr gingen die Oberstufenschüler nach Aarau, um das Projekt «UMA – Leben und Lernen» zu besuchen. Das Projekt bietet den jugendlichen Flüchtlingen dort eine Tagesstruktur. Ziel ist die Integration in die Gesellschaft und nach Möglichkeit der Eintritt in die Berufsbildung. Pascal Bucher vom Schulheim St. Johann erklärt: «Wir wollten den Schülern ihre Vorurteile und Ängste nehmen, indem wir mit ihnen diese Leute mit schwerem Schicksal kennenlernen.» Die Jugendlichen verstanden sich auf Anhieb, tauschten am Ende sogar Telefonnummern aus. Darum habe man sie zu einem Gegenbesuch eingeladen, so Bucher. Diese Woche war es so weit. Rund 35 UMAS besuchten das Schulheim in Klingnau. Die Jugendlichen spielten Fussball miteinander, tanzten, machten sich gegenseitig Flechtfrisuren und das Wichtigste: Sie redeten miteinander.

Harte Flucht und langes Warten

Einer dieser Flüchtlinge heisst Kadir. Er ist 19 Jahre alt, Kurde, und stammt aus der Nähe von Mossul im Nordirak. Seit bald zwei Jahren ist er in der Schweiz. Der junge Mann flüchtete zuerst in die Türkei und von da aus im Lastwagen in die Schweiz. Er sei die ersten Wochen in Basel untergebracht gewesen und seither in Aarau. Ob er denn noch Familie im Irak hat? «Nur noch meine Mutter. Geschwister habe ich keine und mein Vater ist gestorben», sagt Kadir. Der junge Mann spricht erstaunlich gut Deutsch. Er ist sehr freundlich und hat Ziele: «Ich will eine Lehre zum Coiffeur machen, das wäre mein Traum. Aber leider geht das im Moment nicht.» Kadir besitzt nur einen sogenannten N-Ausweis, das heisst er darf weder zur Schule oder eine Ausbildung machen noch arbeiten, darf keine Verträge unterzeichnen. «Das finde ich schade und das ärgert mich auch manchmal.» Kadir wartet seit einem Jahr auf seinen Bescheid, ob er bleiben darf oder nicht. Was wären seine Optionen? «Zurück nach Hause kann ich aufgrund des Krieges und des IS nicht, also würde ich nach Deutschland oder Frankreich gehen.» Doch das wolle er nicht, er hofft weiterhin darauf, dass er bleiben darf. Er gehe offen auf die Menschen zu und möchte viel von ihnen lernen. Er hat Freunde hier gefunden und laut eigener Aussage viele gute Menschen getroffen. «Ich möchte die Schweiz mein Zuhause nennen können», sagt Kadir.

Tanzen, Spiel, Sport und Essen: 35 unbegleitete minderjährigen Asylsuchenden (UMAS) aus Aarau besuchen Schüler und Schülerinnen im Schulheim St. Johann in Klingnau.

Tanzen, Spiel, Sport und Essen: 35 unbegleitete minderjährigen Asylsuchenden (UMAS) aus Aarau besuchen Schüler und Schülerinnen im Schulheim St. Johann in Klingnau.

Zwei, die das Schicksal von Kadir teilen, sind Hadas und Lilli aus Eritrea. Hadas ist 17 Jahre alt und seit eineinhalb Jahren hier. Lilli ist 18 und seit fünf Monaten in der Schweiz. Die zwei Mädchen haben eine lange Flucht hinter sich: von Eritrea via Äthiopien nach Libyen und von dort aus mit dem Schiff nach Italien. Von Italien wurden sie in die Schweiz verwiesen. Sie waren in Basel und Kreuzlingen untergebracht, bevor sie nach Aarau kamen. Hadas wohnt mittlerweile bei einer Schweizer Familie, Lilli in der Asylunterkunft. Hadas dazu: «Ich habe grosses Glück, eine solche Gelegenheit ist sehr selten. Dafür bin ich dankbar.» Auf die Frage, wie sie die Schweiz wahrnehme, antwortet Lilli: «Die Leute hier sind sehr freundlich und helfen uns.» Und: Sie habe in der Schweiz noch nie Rassismus erfahren. Auch die beiden Teenager teilen Kadirs Meinung, so sagt Lilli: «Ich habe hier alles, was ich mir wünsche, aber wenn ich etwas ändern könnte, wäre das die Dauer des Verfahrens.» Alles gehe so lange, man könne mehrere Jahre hier sein und dann müsse man trotzdem gehen. Hadas fügt an: «Eine Freundin von mir musste nach zwei Jahren gehen, das ist hart, wenn man sich hier ein Leben aufbaut und dann trotzdem weiter muss.»

Vorurteile sind weg

Die gegenseitigen Besuche haben gewirkt. Die Schülerin Vanessa (Name von der Redaktion abgeändert) erzählt von ihrer ersten Begegnung: «Als wir sie besuchten, hab ich meinen Lehrer gefragt, ob ich meine Tasche herumliegen lassen kann oder ob sie geklaut werde. Doch als wir sie trafen, merkte ich, dass das ganz normale Jugendliche mit einem krassen Schicksal sind.» Einer der Flüchtlinge habe ihnen die Geschichte seiner Flucht erzählt. Vanessa sagt: «Ich fragte ihn, warum er seine Familie nicht mitgenommen habe, und er sagte mit ernster Miene, dass sie es nicht überlebt hätten, wenn sie mitgekommen wären. Das ging mir sehr nahe.» Der Schülerin gehen die Schicksale der gleichaltrigen Jugendlichen ans Herz. Vanessa äussert darum einen klaren Appell: «Ich bedauere es, dass so viele Menschen Vorurteile gegen diese Leute haben. Sie sind ja nicht ohne Grund hier. Ich zum Beispiel könnte nicht alleine flüchten, das ist hart. Ich wünsche das niemandem.»

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