Bad Zurzach

«Schreiber vs. Schneider»: Die unfreiwillige 24-Stunden-WG

«Die erste Woche hat uns total durcheinandergebracht»: Sybil Schreiber, Steven Schneider und ihre Töchter Alma und Ida zu Hause im Wohnzimmer.

«Die erste Woche hat uns total durcheinandergebracht»: Sybil Schreiber, Steven Schneider und ihre Töchter Alma und Ida zu Hause im Wohnzimmer.

Wie das Bad Zurzacher Kolumnisten-Ehepaar «Schreiber vs. Schneider» und ihre Töchter den Corona-Alltag meistern.

Viele Branchen sind durch den Corona-Virus bedingten Lockdown betroffen. Alle Schweizer Schulen sind zu, die Strassen leergefegt, es ist oft gespenstisch still. «Cocooning» zu Hause ist angesagt. Aber wie kommen Ehepaare und Familien mit so viel plötzlicher Nähe zurecht, ohne sich gegenseitig nicht auf den Geist zu gehen?

Auch das Kolumnisten-Paar Sybil Schreiber und Steven Schneider und ihre zwei 15- und 19-jährigen Töchter Ida und Alma sind zu einer eher unfreiwilligen 24-Stunden-WG zusammengeschweisst worden. «Die erste Woche hat uns total durcheinandergebracht. Wir mussten uns alle neu sortieren und finden», erzählt Schreiber am Telefon.

Dann hatte Schneider die rettende Idee: Ein strenger Strukturplan für die ganze Familie musste her. «Während unsere Kolleginnen ausschlafen können, müssen wir um 7.30 Uhr aufstehen. Dann ist Körperpflege angesagt», erzählt Alma. Danach gebe es Ämtli im Haus wie Staubsaugen und Frühstückmachen, auch Zeitunglesen gehöre dazu.

Schreiber und Schneider sitzen um diese Zeit schon längst an ihren Computern und feilen an ihren Texten für Kolumnen, Bücher und Auftritte, wenn sie dann irgendwann wieder stattfinden. Ida berichtet: «Natürlich geht auch der Schulunterricht weiter. Wir bekommen das Lernmaterial jetzt per E-Mail.» Weil aber der Lockdown so kurzfristig kam und auch für das Lehrpersonal neu ist, erweist sich der Stoff noch nicht als tagesfüllend. Macht aber nichts. Denn dank des Schneider’schen Strukturplans ist auch der Nachmittag minutiös durchgetaktet. Alma: «Die Eltern haben uns im Haushaltsdienst aufgeteilt. Ich musste gestern beispielsweise im Garten Unkraut jäten.»

«Für unsere Töchter sind wir Strebereltern»

Auf Gegenliebe stiess Schneiders Plan anfänglich natürlich nicht. Sybil Schreiber erzählt: «Wir waren noch alle etwas sensibel wegen der momentanen Stimmung und Ungewissheit. Und dann knallte Steven seinen Plan auf den Tisch. Einfach wie es so seine Art ist. Baff, krach. Es war in jeder Hinsicht der falsche Zeitpunkt und falsche Ton.» (Schneider ruft aus dem Hintergrund: «Es ist bei Sybil immer der falsche Zeitpunkt und der falsche Ton»).

Und schon gibt es wieder Stoff für das bekannteste Kolumnen-Ehepaar der Schweiz. Die Strukturierung des Alltags mit einer Art Stundenplan ist aber durchaus ernst gemeint. Und hilft der Familie mittlerweile ungemein. «Alle haben ihre Aufgaben und sind beschäftigt. So verhindern wir, dass wir uns gegenseitig auf die Nerven gehen», meint Schneider. Und natürlich sei auch Freizeit eingeplant. Am Wochenende, wie sonst auch. Dann können die Töchter den ganzen Tag auf dem Balkon liegen, wenn sie denn möchten. Filme schauen sich auch mal alle gemeinsam an. Aber nur abends. «Tagsüber hat jeder von uns andere Aufgaben», tönt Schreiber durch den Hörer bestimmt.

Und gibt auch zu: «Für unsere Töchter sind wir Strebereltern. Sie erzählen ihren Freundinnen jeweils per Facetime von ihrem «Schicksal», und dass es bei uns mittlerweile zugehe wie im Militär.» Almas und Idas Kichern ist im Hintergrund zu hören. So schlimm kann es denn nicht sein.

Was würde Sybil Schreiber anderen Familien für Tipps im Alltag geben, um sich nicht allzu sehr auf den Wecker zu gehen? «Behutsam miteinander umgehen», sagt die Kolumnistin und fügt hinzu, «einander Pausen und Alleinzeit gönnen. Wir verziehen uns manchmal ins Schlafzimmer, damit die Kinder das Wohnzimmer oder die Küche ganz für sich haben.»

«Es wächst sehr viel Solidarität aus der Krise»

Steven Schneider plädiert dafür, wieder Langsamkeit und Stille zu trainieren. «Jetzt ist die beste Zeit, um Lebensqualitäten neu zu entdecken oder zu erlernen, die in der schnellen und lauten Welt fast verloren gegangen sind.» Gegen Einsamkeit empfiehlt die vierköpfige Familie zum Beispiel das Kochen. Schneider: «Wir haben noch nie so gut gegessen wie jetzt. Nicht weil wir anders einkaufen als sonst. Sondern weil wir uns Zeit nehmen, alles sorgfältig vorbereiten, den Tisch schön decken und dekorieren und Kerzen anzünden. Wir zelebrieren unsere Mahlzeiten. Das kann auch jeder für sich alleine tun.»

Schneider liebt lange Spaziergänge mit dem Hund. Die Mädchen machen kleine Work-outs auf Youtube und Schreibers Pumptrainerin startet wie viele demnächst mit einem Online-Kurs auf Facebook. Jetzt müssen kleinste Räume für die körperliche Fitness herhalten, und es ist Eigeninitiative angesagt. Alma und Ida, die neuerdings auch das Bücherlesen und Kochen für sich entdeckt haben, klebten kürzlich für die Aktion «Hilf mit» Flyer an die Haustüren in ihrem Wohnquartier in Bad Zurzach mit Telefonnummern von Menschen, die Freiwilligendienste anbieten. Sie erledigen Einkäufe und Hundespaziergänge für ältere Leute, die kein Internet haben und punkto Corona-Virus zu den Risikogruppen gehören. «Es wächst sehr viel Solidarität aus der momentanen Krise», ist sich die Familie Schneider-Schreiber einig.

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