Alleine in die Ferien reisen – das ist für André Kesseli unmöglich. Seit einem Schlaganfall ist der 78-Jährige halbseitig gelähmt und im Alltag auf Hilfe angewiesen. Dank des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) Kanton Aargau bleiben Ferien für ihn aber kein unerfüllter Traum: Einmal pro Jahr verbringt er eine Woche in einem Schweizer Hotel – Tapetenwechsel für ihn, Erholung für seine Frau, die einen grossen Teil seiner Betreuung übernimmt.

In diesem Mai reist er mit der SRK-Regionalstelle Baden nach Walchwil am Zugersee, zusammen mit 14 anderen betagten oder körperlich beeinträchtigten Gästen aus den Bezirken Zurzach und Baden. Damit das Hilfswerk diese Ferienwoche überhaupt durchführen kann, braucht es jedes Jahr freiwillige Helfer. Eine davon ist die 74-jährige Miriam Kumra aus Mägenwil.

Seit zehn Jahren hilft sie beim SRK Kanton Aargau mit – zuerst als Helferin bei Tagesausflügen und seit einigen Jahren als Nachtwache bei den alljährlichen Ferienwochen. Sieben Nächte am Stück arbeitet Miriam Kumra von 21 Uhr bis 7 Uhr in der Ferienwoche durch, geht regelmässig von Zimmer zu Zimmer und bringt die Gäste zur Toilette. In der Nacht arbeiten, am Tag schlafen – eine Aufgabe, für die man gemacht sein muss. Für Kumra kein Problem: «Ich brauche nur vier bis fünf Stunden Schlaf. Ich bin ein Nachtmensch.» Es sei etwas Schönes, den Menschen Zuwendung geben zu können. «Die Nachtwache ist wie eine Berufung für mich.»

Über Umwege zum Pflegeberuf

Einige Gäste sind Miriam Kumra besonders in Erinnerung geblieben. Beispielsweise eine Frau um die 40, die an Multiple Sklerose erkrankt ist und während der Ferienwoche einen heftigen Schub hatte. «Von einem Tag auf den anderen mussten wir sie mindestens zu zweit betreuen», erzählt Kumra. Oder zu einem älteren Ehepaar entwickelte sich gar richtige Freundschaften. «Das Verhältnis zwischen uns war sehr herzlich. Sie behandelten mich fast schon wie eine Tochter.» Auch ausserhalb einer Ferienwoche besuchte Kumra sie regelmässig – bis zum Tod des Pärchens.

Zum Pflegeberuf fand Miriam Kumra auf Umwegen. Ursprünglich hatte sie die Handelsschule besucht und arbeitete daraufhin auf einer Bank. Als ihr Vater in den 1990er-Jahren altersbedingt auf Hilfe angewiesen war, übernahm Kumra diese Aufgabe. Dafür kam sie zurück in die Schweiz, während ihr Mann und ihre beiden Kinder in England blieben. Nach dem Tod ihres Vaters arbeite Kumra weiterhin in der Pflege als Nachtwache im Altersheim Mägenwil. Und als eine Bekannte krankheitshalber für die Ferienwoche als freiwillige Helferin ausfiel, sprang sie kurzerhand für sie als Nachtwache ein. «Ich wohne allein und dachte, es tut mir gut, unter Menschen zu kommen.»

Unterdessen aber wird es für Miriam Kumra wegen eigener körperlichen Beschwerden immer schwieriger, den Menschen aus dem Bett zu helfen. Aus diesem Grund sucht das Aargauer SRK nun eine neue Nachtwache. Die nächste steht bereits im Mai an. «Sie wird uns sehr fehlen», sagt Anita Vogt, Leiterin der Regionalstelle Baden. Jemanden wie Miriam Kumra zu finden, sei nicht einfach. «Sie war uns eine grosse Unterstützung und hat ihre Aufgabe pflichtbewusst erledigt.» Interessierte könnten sich bei ihr melden. Sie werde die Nachtwache vermissen, sagt auch Kumra. «Und falls das SRK keine Nachfolge findet, werde ich nochmals einspringen.»